Sick-Day-Regeln mit Diabetes Typ 1

Wenn du dich erkältest, dir ein Magen-Darm-Virus einfängst oder dich die Grippe erwischt, kann das deinen Körper ordentlich aus dem Gleichgewicht bringen – und dich in der Folge auch bei deinem Diabetes-Management zusätzlich herausfordern. Schon ein vergleichsweise harmloser Infekt lässt den Blutzucker meist merklich ansteigen, selbst wenn du kaum etwas isst. Warum das so ist und wie du dich an solchen Tagen richtig verhältst, erklären wir dir im Folgenden. Mit ein paar klaren Sick-Day-Regeln kannst du gefährlichen Komplikationen wie einer diabetischen Ketoazidose gezielt vorbeugen. Bei einer DKA übersäuert das Blut infolge eines ausgeprägten Insulinmangels. Mehr über die Ursachen, Symptome und Behandlung erfährst du in unserem ausführlichen Beitrag zur diabetischen Ketoazidose.
Warum Sick-Day-Regeln bei Diabetes Typ 1 so wichtig sind
Bei einem Infekt schüttet dein Organismus vermehrt Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol aus. Sie helfen dir zwar dabei, einen Infekt zu bekämpfen, wirken aber gleichzeitig dem Insulin entgegen. Dadurch kann dein Blutzucker steigen – auch, wenn du wenig oder gar nichts isst – und dein Insulinbedarf vorübergehend deutlich erhöht sein. Wenn du dich erbrichst oder Durchfall hast, steigt außerdem das Risiko, dass du zu wenig Flüssigkeit und Kohlenhydrate aufnimmst. Natürlich fühlst du dich bei einem Infekt absolut groggy und willst am liebsten einfach nur im Bett liegen und ausharren, bis das Gröbste überstanden ist. Doch mit Diabetes Typ 1 fordern Krankheitstage deine volle Aufmerksamkeit, um eben einer diabetischen Ketoazidose von vornherein einen Riegel vorzuschieben.
Regel #1: Blutzucker und Ketone häufiger kontrollieren
An herkömmlichen Tagen kennst du deine üblichen Messintervalle. Bei einem Infekt solltest du sie verkürzen, also häufiger kontrollieren.
Als Orientierung gilt:
Blutzucker etwa alle 1 bis 2 Stunden messen, wenn du krank bist und deine Werte schwanken oder erhöht sind.
Ketone ebenfalls regelmäßig checken, insbesondere bei Blutzuckerwerten > 270 mg/dl bzw. 15,0 mmol/l, Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen oder starkem Krankheitsgefühl.
Falls du einen CGM-Sensor wie den FreeStyle Libre 3 oder Dexcom G7 nutzt, solltest du die Werte und den Verlauf besonders aufmerksam beobachten. Bei auffälligen Werten kann zusätzlich eine blutige Messung mit einem klassischen Blutzuckermessgerät sinnvoll sein.
Kontrolliere auch nachts häufiger, wenn dein Behandlungsteam dies für deine individuelle Situation empfiehlt oder deine Werte instabil sind.
Bei erhöhten Werten reicht es nicht, einfach abzuwarten. Entscheidend ist vor allem der Verlauf: Steigt dein Blutzucker weiter? Sind Ketone nachweisbar oder nehmen sie gar zu? Kannst du ausreichend trinken?
Wenn du ein persönliches Sick-Day-Schema von deinem Diabetes-Team bekommen hast, halte dich daran. Dort ist normalerweise festgelegt, wann du wie viel zusätzliches Insulin geben und wann du ärztliche Hilfe holen solltest.
Denke daran: Die Ausschüttung der Stresshormone Adrenalin und Cortisol kann deinen Blutzucker nicht nur ansteigen lassen, sondern auch eine vorübergehende Insulinresistenz bewirken. Das Insulin wirkt also schlechter, so wirkt beispielsweise dein normaler Korrekturfaktor (z.B. 1 E/I senkt den Blutzucker normal um 50 mg/dl) während eines Infektes deutlich schwächer (z.B. 1 E/I senkt den Blutzucker nur um 20 mg/dl).
Als Daumenregel gilt in der Diabetologie oft: Pro ein Grad Temperaturanstieg über 37,5 Grad kann der Insulinbedarf um ca. 10 bis 20 Prozent steigen - sowohl hinsichtlich des Basalinsulins als auch bei den Korrekturfaktoren.
Wichtig: Korrigiere nicht einfach immer wieder nach Gefühl. Wenn dein Blutzucker trotz Korrektur weiter steigt oder die Ketone zunehmen, brauchst du ärztliche Unterstützung. Falls du eine Insulinpumpe nutzt, solltest du außerdem im Hinterkopf behalten, dass bei einem technischen Problem die Insulinzufuhr unterbrochen sein kann. Überprüfe deshalb bei unerklärlich hohen Werten dein Infusionsset bzw. die Insulinzufuhr nach den Regeln, die du von deinem Diabetes-Team kennst. Bei erhöhten Ketonen kann eine Insulingabe über einen Pen oder eine Spritze erforderlich sein – wiederum entsprechend deinem individuellen Notfallplan.
Kontrolliere vor Beginn der Grippesaison, ob deine Keton-Teststreifen (Blut oder Urin) noch haltbar sind. Sie werden selten genutzt und laufen in der Hausapotheke oft ab. Eine frühzeitige Kontrolle schützt dich hier vor bösen Überraschungen im Notfall, vor allem wenn du an einem Sonntag oder Feiertag krank wirst und dein Praxisteam nicht erreichst.
Regel #2: Basalinsulin niemals einfach weglassen!
Eine der wichtigsten Sick-Day-Regeln bei Diabetes Typ 1 lautet: Du brauchst dein Basalinsulin auch dann, wenn du nichts isst.
Dein Körper benötigt Insulin nicht nur, um Kohlenhydrate aus deinen Mahlzeiten zu verarbeiten; Insulin unterdrückt auch die Bildung von Ketonkörpern. Fehlt das lebenswichtige Hormon, kann dein Organismus trotz fehlender Nahrungsaufnahme Fett abbauen und (zu viele) Ketone bilden. Deshalb solltest du dein Basalinsulin bei einem Infekt nicht eigenständig absetzen oder stark reduzieren – auch dann nicht, wenn du keinen Appetit hast oder vorübergehend keinen Bissen runterkriegst.
Je nach Blutzucker, Ketonen und Verlauf kann dagegen eine zusätzliche oder angepasste Insulingabe notwendig sein. Dies bedeutet, dass du bei einer Pen-Therapie ggf. dein Basal- und Bolusinsulin (KH-/Korrektur-Faktoren) erhöhen musst. Trägst du hingegen ein AID-System wie beispielsweise den myLoop oder die MiniMed 780G, erhöhen diese dein Basalinsulin automatisch oder korrigieren erhöhte Werte von selbst. Sollte dein Blutzucker trotzdem zu hoch sein, kannst du deinen Zielwert vorübergehend senken, deine Faktor anpassen oder spezielle Funktionen wie bspw. den Boost-Modus bei myLoop aktivieren. Dadurch gibt die Pumpe bei Mahlzeiten mehr Insulin ab und der Algorithmus agiert insgesamt stärker.
Wie viel Insulin du an Krankheitstagen konkret brauchst, hängt von den genauen Auswirkungen des Infekts und deiner individuellen Therapie ab. Verwende dafür das Korrektur- bzw. Sick-Day-Schema, das du mit deinem Behandlungsteam hoffentlich bereits vereinbart hast. Falls das noch nicht passiert ist, hole es so bald wie möglich nach.
Hast du aktuell noch kein festes Sick-Day-Schema zur Hand und deine Werte steigen weiter? Zögere nicht, direkt den ärztlichen Bereitschaftsdienst (116 117) oder dein Diabetes-Team zu kontaktieren, um die richtige Dosis abzusprechen.
Regel #3: Trinken, trinken und nochmals trinken
Bei Fieber, starkem Schwitzen, Erbrechen oder Durchfall verliert dein Körper viel Flüssigkeit – umso mehr, wenn zudem auch dein Blutzucker erhöht ist. Trinke deshalb regelmäßig. Keine Sorge: Das bedeutet nicht, dass du dir dauernd riesige Kübel reingießen musst. Wenn dir übel ist, trinkst du besser kleine Mengen über den Tag verteilt, beispielsweise alle zehn bis 15 Minuten ein paar Schlucke. Wasser, ungesüßter Tee oder klare Brühe eignen sich gut. Bei Erbrechen oder Durchfall können auch Elektrolytlösungen sinnvoll sein.
Aber: Wenn du kaum Kohlenhydrate zu dir nimmst und trotzdem Insulin benötigst, reichen ausschließlich kalorienfreie Getränke manchmal nicht aus. Du brauchst dann zusätzlich eine gut verträgliche Kohlenhydratquelle.
Was essen, wenn dir übel ist oder du keinen Appetit hast?
Gerade bei einem Magen-Darm-Infekt ist Essen oft das Letzte, worauf du Lust hast. Trotzdem solltest du – sofern möglich – kleine Mengen Kohlenhydrate zuführen, damit du weiterhin Insulin geben kannst und dein Körper mit Energie versorgt wird. Du musst dabei keine normale Mahlzeit schaffen. Oft funktionieren kleine Portionen besser, etwa:
Zwieback oder Toast
Cracker
Banane
Apfelmus
Reis oder etwas Kartoffelbrei
leichte Suppen
kleine Mengen Haferbrei
Verträgst du feste Nahrung gerade nicht, können kohlenhydrathaltige Flüssigkeiten vorübergehend eine praktische Alternative sein, etwa (verdünnter) Fruchtsaft. Wichtig ist dabei die Balance: Du solltest nicht einfach große Mengen Saft bzw. Zucker trinken, um halt irgendwie Kohlenhydrate hineinzubekommen. Besser sind kleine Mengen, die dein Körper auch zuverlässig drin behalten kann, und eine passende Insulinversorgung.
Tipp: Wenn dir eh schon übel ist, raten wir dir, das Insulin ggf. erst nach dem Essen zu spritzen, wenn du sichergehen kannst, dass die Nahrung drin bleibt.
Beachte: Bei starkem Erbrechen oder Durchfall kann es trotz aller Bemühungen unmöglich sein, ausreichend Flüssigkeit und Kohlenhydrate aufzunehmen. Dann solltest du nicht lange abwarten, sondern ärztliche Hilfe holen. Vor allem dann, wenn das Erbrechen nicht von dem Infekt kommt, besteht die Gefahr einer diabetischen Ketoazidose.
Regel #4: Bestimmte Medikamente nach Absprache vorübergehend absetzen
Solltest du neben Insulin noch andere Medikamente einnehmen (z. B. gegen Bluthochdruck), besprich am besten schon bei deinem nächsten Routinetermin mit deinem Behandlungsteam, ob du diese beispielsweise bei einem schweren Magen-Darm-Infekt vorübergehend pausieren müsstest.
Ob du eines oder mehrere Medikamente pausieren solltest und wann du alles wieder regulär einnehmen kannst, hängt stets von deinem individuellen Gesundheitszustand und dem jeweiligen Präparat ab.
Wichtig: Ändere deine Medikamente nicht eigenständig nach einer allgemeinen Liste. Lass dir von deinem Behandlungsteam einen persönlichen Sick-Day-Plan geben, in dem genau festgehalten ist, was du bei einem Infekt tun solltest.
Kurzinfo: Sick-Day-Regeln bei Typ 2 Diabetes
Bei Diabetes Typ 2 können während eines schweren Infekts, bei Erbrechen, Durchfall oder Flüssigkeitsmangel strengere Medikamentenregeln gelten. Metformin und SGLT2-Hemmer (“Gliflozine”) müssen in solchen Situationen häufig vorübergehend pausiert werden, weil Dehydrierung die Nieren belasten kann und SGLT2-Hemmer außerdem das Risiko einer Ketoazidose potenziell erhöhen. Auch andere Medikamente, etwa einige Blutdruckmittel, Entwässerungstabletten oder spezifische Schmerzmittel, können bei Flüssigkeitsmangel vorläufig kritisch sein. Für die Dauer der Krankheit wird oft auf Basal- und Kurzzeitinsulin zurückgegriffen, um sicherzustellen, dass der Körper mit genügend Insulin versorgt ist. Dies ist wichtig, um eine diabetische Ketoazidose zu verhindern, da der Körper während eines Infektes tendenziell mehr Insulin benötigt. Besprich dich hier am besten mit deinem Diabetes-Team, damit ihr dein individuelles Spritzschema anpassen könnt.
Wann solltest du unbedingt zu einem Arzt oder einer Ärztin?
Bei einem Infekt solltest du lieber zu früh als zu spät zu einem Arzt oder einer Ärztin. Besonders wichtig ist schnelle medizinische Hilfe bei Anzeichen einer Ketoazidose oder wenn du deinen Flüssigkeits- und Insulinbedarf nicht mehr sicher kontrollieren kannst.
Hole dir umgehend ärztliche Hilfe, wenn:
deine Ketone erhöht sind oder weiter ansteigen.
dein Blutzucker trotz Korrekturinsulin dauerhaft sehr hoch bleibt.
du wiederholt erbrichst oder keine Flüssigkeit bei dir behalten kannst.
du starke Bauchschmerzen bekommst.
du tief oder auffallend schwer atmest.
du zunehmend schläfrig, verwirrt oder ungewöhnlich schwach wirst.
du deutliche Zeichen einer Austrocknung bemerkst, etwa sehr wenig Urin, trockene Schleimhäute oder starken Schwindel.
du dich insgesamt rasch deutlich schlechter fühlst.
Bei schweren Symptomen oder Verdacht auf eine Ketoazidose: nicht abwarten, sondern sofort medizinische Hilfe holen. Im Notfall gilt die europäische Notrufnummer 112.
Auch wenn du unsicher bist, was du tun sollst, ist ein Anruf beim behandelnden Diabetes-Team, beim ärztlichen Bereitschaftsdienst oder beim ärztlichen Notdienst sinnvoll. Gerade bei Kindern, Jugendlichen, Schwangeren oder Menschen mit zusätzlichen Erkrankungen sollte die Schwelle für eine ärztliche Rücksprache besonders niedrig sein.
Am besten schon vor dem nächsten Infekt vorbereiten
Sick-Day-Regeln helfen am meisten, wenn du sie nicht erst dann zusammensuchen musst, wenn du bereits krank bist. Erarbeite mit deinem Diabetes-Team einen individuellen Krankheitsplan. Darin sollte unter anderem stehen:
Wie häufig Blutzucker und Ketone kontrollieren?
Ab welchen Werten zusätzliches Insulin geben?
Wie bei erhöhten Ketonen vorgehen (mit genauen Zahlen)?
Welche Medikamente bei einem schweren Infekt pausieren?
Welche Getränke und Kohlenhydratquellen vorrätig halten?
Wen außerhalb der Praxiszeiten kontaktieren?
Wann direkt in eine Notaufnahme gehen?
Grundsätzlich solltest du stets ausreichend Insulin sowie Messmaterial inklusive Ketonteststreifen oder ein Ketone-Messgerät verfügbar haben. In unserem Beitrag zur diabetischen Ketoazidose findest du Informationen darüber, wie du die Anzeichen einer Ketoazidose frühzeitig erkennst sowie Ketone im Ernstfall richtig misst.
Sick-Day-Regeln mit Diabetes Typ 1 – das Wichtigste auf einen Blick
Ein Infekt kann dein Diabetes-Management vorübergehend erschweren. Mit einem klaren Plan behältst du trotzdem den Überblick. Hier die wichtigsten Sick-Day-Regeln ganz kompakt:
Stündlich Blutzucker messen.
Ketone regelmäßig kontrollieren.
Basalinsulin niemals einfach weglassen.
Ausreichend trinken – lieber viertelstündlich ein paar Schlucke als stündlich ein ganzes Glas.
Kohlenhydrate zuführen – soweit möglich in fester Form, ansonsten mit kohlenhydrathaltigen Flüssigkeiten.
Medikamente ggf. in Absprache mit dem Ärzteteam pausieren
Bei erhöhten Ketonen, anhaltend hohen Blutzuckerwerten oder deutlichen Krankheitssymptomen eher früher als später medizinische Hilfe holen.
Mach das, was dir gut tut! Du kannst dir beispielsweise ein warmes Bad einlassen und deine Lieblingsmusik oder ein Hörbuch auflegen. Falls du dich fit genug fühlst, kann auch ein kleiner Spaziergang helfen, damit du dich besser fühlst. Oder du lüftest oft, damit du auch vom Sofa oder Bett aus frische Luft genießen kannst!
Außerdem kann gesundes, frisches Essen mit vielen Nährstoffen deinem Körper helfen, sich schneller von einem Infekt zu erholen. Beachte jedoch, dass du durch den Infekt einen höheren KH/FPE-Faktor benötigst und somit mehr Insulin abgeben musst. Eine Hühnersuppe oder kräftige Gemüsebrühe wirkt entzündungshemmend, befeuchtet die Schleimhäute, liefert wichtige Elektrolyte (Salze) und lässt Schleim besser abfließen. Beeren und Zitrusfrüchte wie Orangen, Zitronen oder Sanddorn liefern viel Vitamin C und Antioxidantien, die freie Radikale im Körper binden. Auch Honig, besonders echter Deutscher Honig, wirkt natürlich antibakteriell und beruhigt gereizte Schleimhäute im Hals. Idealerweise kannst du dir also einen Tee mit Honig, Ingwer und Zitrone machen.
Krank sein ist für jeden anstrengend, mit Diabetes braucht dein Körper einfach ein kleines bisschen mehr Aufmerksamkeit. Das Wichtigste ist: Du bist diesem Zustand nicht hilflos ausgeliefert. Mit ein paar einfachen Kniffen, regelmäßigen Checks, gesunder Ernährung und guter Flüssigkeitszufuhr steuerst du deinen Körper sicher durch jeden Infekt. Sieh die Sick-Day-Regeln als deinen persönlichen Werkzeugkasten: Sie geben dir Sicherheit und die Kontrolle zurück, damit du dich ohne Sorgen auf das konzentrieren kannst, was an solchen Tagen am wichtigsten ist: dich auszuruhen, gesund zu pflegen und bald wieder auf die Beine zu kommen!