Kohlenhydrate bei Diabetes Typ 1: KE berechnen, Zuckerersatz & Blutzuckerkontrolle

In Kürze:
Kohlenhydrat-Grundlagen & Richtwerte: Kohlenhydrate haben den direktesten Einfluss auf den Blutzucker und werden im Körper zu Glukose umgewandelt.
Glykämische Last als wichtiger Anhaltspunkt: Während der Glykämische Index (GI) nur die Qualität bzw. die Anstiegsgeschwindigkeit beschreibt, berücksichtigt die Glykämische Last (GL) zusätzlich die verzehrte Menge an Kohlenhydraten. Die GL ist somit der verlässlichere Indikator für deinen tatsächlichen Insulinbedarf.
Berechnung von KE/BE & Insulindosis: Eine Kohlenhydrateinheit (KE) entspricht 10 g, eine Broteinheit (BE) 12 g Kohlenhydraten. Die nötige Insulindosis variiert je nach Person und Tageszeit und sollte stets in Abstimmung mit deinem Diabetes-Team ermittelt werden.
Verarbeitung & der "Resistente-Stärke"-Trick: Je naturbelassener ein Lebensmittel und je höher der Ballaststoffgehalt, desto langsamer steigt der Blutzucker. Erfahre zudem, wie du durch den "Resistenten-Stärke"-Trick Kohlenhydrate einsparen kannst.
Zuckeraustauschstoffe & Fett-Protein-Fallen: Nicht alle Zuckerersatzstoffe wirken gleich: Während manche Süßstoffe gar nicht angerechnet werden müssen, müssen andere hingegen bis zu 50 Prozent in die KE-Berechnung einfließen.
Für Menschen mit Diabetes Typ 1 spielen Kohlenhydrate eine ganz besondere Rolle, da sie den direktesten Einfluss auf den Blutzucker haben. Neben Fetten sind sie der wichtigste Brennstoff für unseren Organismus. Kohlenhydrathaltige Lebensmittel dienen unserem Körper als Energielieferanten sowie als elementare Träger von Vitaminen, Mineralstoffen und insbesondere Ballaststoffen. Die folgende Tabelle zeigt eine kurze Übersicht der Kohlenhydrate:
| Kohlenhydrat-Art | Enthalten in |
|---|---|
| Stärke | Getreide und Getreideprodukte, Kartoffeln, Hülsenfrüchte |
| Laktose | Milch und Milchprodukte |
| Fruktose | Obst |
| Saccharose | Zucker und zuckerhaltige Lebensmittel und Getränke |
Unser Körper wandelt alle Kohlenhydrate in Zucker (Glukose) um und transportiert diesen im Blut zu den einzelnen Organen bzw. Zellen. Dabei steigt der Blutzucker an.
Stärke und Laktose lassen den Blutzucker langsamer ansteigen als Haushaltszucker. Das liegt an der Komplexität der Molekülstruktur. Stärke beispielsweise besteht aus mehreren Zuckermolekülen, die im Verdauungsprozess in Glukose aufgespalten werden müssen. Erst dann können sie in die Blutbahn gelangen.
Betroffene fragen sich deshalb manchmal auch, ob eine kohlenhydratarme Ernährung bei Diabetes Typ 1 sinnvoll ist. Eine eindeutige Antwort darauf gibt es nicht. Dafür unterscheiden sich die individuellen Voraussetzungen zu sehr. Deshalb muss das jeder Mensch mit Typ 1 Diabetes für sich selbst herausfinden. Generell gilt aber die folgende Zusammensetzung folgender Makronährstoffe für die Ernährung bei Diabetes Typ 1 als ideal:
50% Ballaststoffe
25% Kohlenhydrate
Dies sind nur Richtwerte. Je nach deinen körperlichen Voraussetzungen und deinem individuellen Lebensstil kannst du die Gewichtung natürlich anpassen, bspw. wenn man abnehmen oder Muskeln aufbauen will.
Falls du dich für eine kohlenhydratarme Ernährung entscheidest, solltest du die fehlende Energie vermehrt über ungesättigte Fettsäuren (z.B. Avocados, kalt gepresstes Olivenöl etc.) und pflanzliche Proteine (z.B. Hülsenfrüchte und Sojaprodukte wie Tofu oder Tempeh) aufnehmen. Was du bei einer fettreichen Ernährung mit Diabetes unbedingt beachten solltest, erfährst du in unserem Beitrag über Fett-Protein-Einheiten (FPE).
Glykämischer Index (GI) und Glykämische Last (GL)
Der Glykämische Index (GI) und die Glykämische Last (GL) sind zwei Werte, die sich auf die Kohlenhydrate in Lebensmitteln und deren Auswirkungen auf den Blutzucker beziehen. Wenn du weißt, wie es um den Glykämischen Index oder besser noch die Glykämische Last verschiedener Lebensmittel bestellt ist, kannst du bewusster auf eine blutzuckerfreundliche Ernährung achten.
Doch der Reihe nach.
Der Glykämische Index gibt an, wie stark die Kohlenhydrate eines Lebensmittels auf den Blutzucker wirken. Faustregel: Je geringer der GI, desto langsamer und weniger steigt der Blutzuckerspiegel dadurch an.
Als Referenz mit dem Wert 100 dient Traubenzucker. Er treibt den Blutzucker am schnellsten und stärksten in die Höhe. Beispiel: Konsumierst du ein Lebensmittel mit einem GI von 50, so ist der Blutzuckeranstieg halb so intensiv wie beim Verzehr von Traubenzucker.
Beispiele für Lebensmittel mit einem hohen GI:
- Weißbrot
- Instantreis
- Cornflakes
- gebackene Kartoffeln
- Süßigkeiten
- süße Getränke
Beispiele für Lebensmittel mit einem niedrigen GI:
- Vollkornbrot mit ganzen Getreidekörnern
- Vollkornnudeln
- Müsli mit Haferflocken (ohne Zusätze von Früchten, Honig etc.)
- Hülsenfrüchte
- bestimmte Obstsorten, z.B. Äpfel, Beeren, Birnen und Pflaumen
Noch bedeutsamer als der Glykämische Index ist die Glykämische Last (GL). Dieser Wert bezieht nicht nur die Art bzw. Qualität der Kohlenhydrate, sondern zudem die mit dem jeweiligen Lebensmittel zugeführte Menge an Kohlenhydraten mit ein.
Einfach ausgedrückt:
GI = Art/Qualität der Kohlenhydrate
GL = Art/Qualität + Menge der Kohlenhydrate
So kann sich ein Lebensmittel mit niedrigerem GI letztlich stärker auf den Blutzucker auswirken als eines mit höherem GI – und umgekehrt.
Beispiel: Eine Wassermelone hat einen höheren GI als Weißbrot. Allerdings enthält Weißbrot mehr Kohlenhydrate. Unterm Strich ist die Glykämische Last von Weißbrot 2,5 mal so groß wie die einer Wassermelone.
Die GL gilt als Indikator für den Insulinbedarf. Je höher die Glykämische Last eines Lebensmittels bzw. einer Mahlzeit ist, desto mehr Insulin benötigt der Körper, damit er die aufgenommenen Kohlenhydrate verwerten kann.
Mach dich mit unserer Tabelle zu Glykämischen Index (GI) und Glykämischer Last (GL) vertraut, um ein Gefühl dafür zu bekommen, welche Lebensmittel eine niedrige und welche eine hohe GL haben. Dieses Wissen kann dir helfen, deinen Blutzuckerspiegel besser zu kontrollieren. Keine Sorge, du musst die genauen GL-Werte natürlich nicht auswendig lernen. Hauptsache du kannst einschätzen, welche Lebensmittel niedrig- und welche hochglykämisch sind. Das lernst du auch, indem du deinen Körper und den Blutzuckerverlauf während und nach dem Essen der verschiedenen Nahrungsmittel gut beobachtest.
KE und BE berechnen: Wie du die richtige Insulindosis ermittelst
Zwei wichtige Maße zum Kohlenhydratgehalt eines Lebensmittels sind die Kohlenhydrateinheiten (KE) und die Broteinheiten (BE). Mithilfe der KE oder BE kannst du deine benötigte Insulindosis ermitteln.
Früher arbeitete man in den alten Bundesländern eher mit Broteinheiten (BE) und in den neuen Bundesländern mehr mit Kohlenhydrateinheiten (KE).
Woher kommt der Begriff "Broteinheit"? Eine Broteinheit entspricht zwölf Gramm Kohlenhydraten und eine Scheibe Brot enthält ungefähr diese Menge an Kohlenhydraten.
Die KE haben den Vorteil, dass sie einfacher zu berechnen sind. Daher wurden sie eingeführt. Sie setzen sich mehr und mehr durch.
Welches Maß du verwendest, ist ganz dir überlassen. Bleib am besten bei einer Variante, um mit der Zeit eine Gewohnheit und Routine zu entwickeln.
Um die Kohlenhydrateinheiten zu ermitteln, benötigst du zwei Werte:
enthaltene Kohlenhydrate im Lebensmittel bzw. in der Mahlzeit
den für die Berechnung der KE üblichen Faktor 10 (1 KE = 10 g Kohlenhydrate)
Je nach Lebensmittel gehst du ein bisschen anders vor. Wir erklären dir die Methoden anhand von zwei Beispielen, um dir das Verständnis zu erleichtern.
Beispiel 1: Joghurt im Becher
Gemäß der Nährwerttabelle auf dem Becher enthält unser Joghurt 15 Gramm Kohlenhydrate pro 100 Gramm.
Im Becher sind 200 Gramm Joghurt.
Um herauszufinden, wie viele Kohlenhydrate der Joghurt tatsächlich enthält, rechnen wir:
200 g / 100 g = 2
2 x 15 g = 30 g Kohlenhydrate
Der Kohlenhydratanteil im ganzen Becher Joghurt beträgt also 30 Gramm.
Eine Kohlenhydrateinheit (KE) sind zehn Gramm Kohlenhydrate.
Um die KE zu ermitteln, rechnen wir somit:
30 g / 10 g = 3 KE
Beispiel 2: Apfel
Zunächst setzen wir den Apfel auf unsere Küchenwaage. Unser Exemplar wiegt 150 Gramm.
Wir werfen einen Blick auf unsere Kohlenhydrataustauschtabelle. Sie sagt uns:
90 g Apfel = 1 KE
Um die KE unseres Apfels herauszufinden, rechnen wir:
150 g / 90 g = 1,67 KE
Lade dir beispielsweise eine Kohlenhydrataustauschtabelle herunter. Du kannst aber auch Apps wie Fddb oder WETID nutzen. Bei diesen Programmen stehen umfangreiche Datenbanken dahinter, sodass du häufig nur den Barcode eines Lebensmittels einscannen und die Grammzahl eingeben musst, um alle Werte fertig berechnet zu bekommen.
Die Broteinheiten berechnest du im Prinzip genau gleich wie die Kohlenhydrateinheiten. Nur ist der Faktor ein anderer, denn eine BE entspricht zwölf Gramm Kohlenhydraten. Um noch einmal das Joghurt-Beispiel von oben heranzuziehen:
200 g / 100 g = 2
2 x 15 g = 30 g
30 g / 12 g = 2,5 BE
Hinsichtlich des Apfel-Beispiels gilt:
100 g Apfel = 1 BE
150 g / 100 g = 1,5 BE
Merke: Du musst die KE oder BE nur für Lebensmittel berechnen, die insulinabhängig sind. Dazu gehören unter anderen:
Getreide und Getreideprodukte
Hülsenfrüchte
kohlenhydratreiche Gemüse (v.a. Süßkartoffeln, Kartoffeln, Kürbis, Steckrüben, Pastinake und Rote Beete)
Obst
Milch und Milchprodukte (außer Käse)
Sojaprodukte
Zucker und Zuckerhaltiges (z.B. Süßigkeiten, Honig und gesüßte Brotaufstriche, Sirup, süße Getränke)
Alkohol
Für folgende Lebensmittel musst du die KE oder BE NICHT berechnen:
Öle, Butter, Margarine (enthalten aber Fett und Protein)
Käse (enthält aber Fett und Protein)
Fleisch, Fleischprodukte und Fisch ohne Panade (enthalten aber Fett und Protein)
die meisten Gemüse* (enthalten wenige Kohlenhydrate, Ausnahmen siehe oben)
Zuckeraustauschstoffe (enthalten wenige Kohlenhydrate - mehr dazu weiter unten)
* Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass auch Gemüse mit wenigen Kohlenhydraten durchaus einen Einfluss auf den Blutzucker haben kann. Bei der Berechnung der KE solltest du deshalb nur Sorten mit einem extrem hohen Wassergehalt komplett vernachlässigen, also beispielsweise Gurken und Blattsalat.
Vom Wiegen zum Schätzen: Kohlenhydrate im Alltag einfach ermitteln
Wenn es sich nicht gerade um einen kleinen Joghurtbecher handelt, verzehrst du verpackte Lebensmittel häufig nicht gleich komplett. Eine Packung Haferflocken etwa teilst du dir vermutlich in mehrere Portionen ein. In einem solchen Fall ist ebenfalls das Abwiegen der Portion das sicherste Mittel der Wahl, um die KE oder BE präzise zu berechnen.
Besonders nach der Diagnose – oder wenn du die Lebensmittel noch nicht kennst – empfiehlt es sich, erst einmal zur Waage zu greifen. Dadurch bekommst du ein immer besseres Gefühl für die Kohlenhydratanteile in verschiedenen Lebensmitteln und damit einhergehend auch für deren KE oder BE.
Auf Dauer ist es jedoch wenig alltagstauglich, ständig mit einer Waage und Tabellen zu hantieren. Das muss auch nicht sein. Mit ein bisschen Übung und Erfahrung kannst du die Kohlenhydrate dann einfach abschätzen. Hier ein paar Tipps für den Übergang vom Wiegen zum Schätzen:
Grundsätzlich gilt: Je häufiger du in den ersten Wochen abwiegst und rechnest, desto stärker verankerst du das Gewicht sowie die Kohlenhydrate und KE oder BE verschiedener Lebensmittel in deinem Gedächtnis. Bald weißt du beim Blick auf einen Apfel automatisch: "Ok, dieses mittelgroße Prachtexemplar hat circa zwei KE." Bei deinen Frühstückshaferflocken nimmst du wahrscheinlich immer eine ähnliche Menge, sodass du nach einigen Wiederholungen genau erkennst: "Wenn ich meine Schüssel so hoch befülle, sind das circa 60 Gramm Kohlenhydrate und damit sechs KE."
Such dir gute eigene Maße, beispielsweise deine Hand, einen Ess- oder Teelöffel, und baue so etwas wie Eselsbrücken. So weißt du später schnell, wie viele KE etwa eine Handvoll Müsli oder ein Teelöffel Honig hat.
Achtung: Deine Wahrnehmung ändert sich, wenn sich beispielsweise die Tellergröße oder -tiefe verändert. Daher solltest du üben, üben, üben...
Manche Menschen merken sich Dinge leichter, wenn sie sie aufschreiben. Vielleicht gilt das ja auch für dich. Lege dir Karteikarten an. Auf einer Seite notierst du die Menge oder klebst ein Bild der Mahlzeit auf und auf der anderen Seite vermerkst du die entsprechenden KE (z.B. vorne: "Eine halbe Schüssel voll Haferflocken, 100 g", hinten: "6 KE"). So kannst du deinen Lernprozess weiter unterstützen.
Apps wie Fddb , meala oder WETID geben dir die Möglichkeit, auf deinem Smartphone ein detailliertes Ernährungstagebuch zu führen, und helfen dir mit speziellen Features dabei, die Kohlenhydrate deiner Mahlzeiten richtig abzuschätzen. Probiere doch einfach mal eine davon aus!
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Insulinbedarf berechnen: Wie viel Insulin spritzt man pro KE und BE?
Pro Kohlenhydrat- oder Broteinheit müssen Menschen mit Diabetes Typ 1 in der Regel 0,5 bis drei Internationale Einheiten (IE) schnelles Insulin zur Korrektur spritzen. Eine IE entspricht 0,042 Milligramm reinem Insulin. Der erforderliche Faktor variiert von Person zu Person und auch je nach Tageszeit. Dies ist also immer individuell in Absprache mit dem Diabetes-Team zu ermitteln.
Rechenbeispiel 1:
Person X benötigt morgens pro KE 2 IE (= Faktor 2).
Ihr Frühstück hat 6 KE.
Somit muss sie 12 IE (2 x 6 KE) spritzen.
Rechenbeispiel 2:
Person X benötigt mittags pro KE 0,5 IE (= Faktor 0,5).
Ihre Hauptmahlzeit hat 8 KE.
Somit muss sie 4 IE (0,5 x 8 KE) spritzen.
Rechenbeispiel 3:
Person X benötigt abends pro KE 1 IE (= Faktor 1).
Ihr Abendessen hat 5 KE.
Somit muss sie 5 IE (1 x 5 KE) spritzen.
Bei den meisten Menschen ist der Insulinbedarf morgens am höchsten und mittags am niedrigsten. Pauschalisieren lässt sich aber nichts. Finde gemeinsam mit deinem Diabetes-Team heraus, wie sich dein Insulinbedarf über den Tag verteilt.
Deine KE-Faktoren können sich mit der Zeit auch ändern. Ob dein KE-Faktor stimmt oder nicht, kannst du mit einem KE-Faktor-Test prüfen. Wenn du zwei bis drei Stunden nach deinen Mahlzeiten meistens zu hoch oder zu tief bist, so deutet das darauf hin, dass eine Faktoranpassung hilfreich wäre. Sprich dich auch diesbezüglich mit deinem Diabetes-Team ab.
Hat dein Diabetes-Team nicht ausreichend Zeit für dich?
Die Diabetes-Teams sind oft sehr stark ausgelastet und haben nur ein bestimmtes Kontingent an Zeit pro Patient zur Verfügung. Suchst du nach einer intensiveren Begleitung, um mehr über deinen Diabetes und ein optimales BZ-Management beim Essen, etc. zu lernen? Schau dir unsere Erfolgsgeschichten an.
Schnelle vs. langsame Kohlenhydrate: Welchen Einfluss hat die Verarbeitung?
Die Unterscheidung von kurz- und langkettigen bzw. schnellen und langsamen Kohlenhydraten ist für Menschen mit Diabetes Typ 1 von großer Bedeutung.
- Kurzkettige Kohlenhydrate (Mono- und Disaccharide = Einfach- und Zweifachzucker) führen zu einem raschen Blutzuckeranstieg. Warum? Weil unser Organismus sie zügig aufbrechen kann, sodass die freigesetzte Glukose binnen kurzer Zeit ins Blut gelangt. Beispiele für solche schnell verwertbaren Kohlenhydrate: Süßigkeiten, Honig, Fruchtsäfte, Limonaden.
- Langkettige Kohlenhydrate (Oligo- und Polysaccharide = Mehrfach- und Vielfachzucker) lassen den Blutzuckerspiegel nur allmählich ansteigen. Warum? Weil unser Organismus länger braucht, um sie aufzubrechen, sodass die freigesetzte Glukose erst nach einer Weile ins Blut gelangt. Beispiele für solche langsam verwertbaren Kohlenhydrate: Vollkornprodukte wie Körnerbrot oder Kartoffeln und Hülsenfrüchte.
Durch die unterschiedlichen Einflüsse der verschiedenen Kohlenhydratarten auf den Blutzucker ist es wichtig, dass du die Insulindosierung und den Abgabezeitpunkt (Spritz-Ess-Abstand, kurz SEA) entsprechend anpasst.
Wie schnell die Glukose in die Blutlaufbahn gelangt, hängt allerdings nicht nur von der Art der Kohlenhydrate ab. Denn unser Organismus muss auch noch die anderen enthaltenen Nährstoffe zersetzen.
Ein gutes Beispiel sind Früchte: Viele von ihnen enthalten kurzkettige Kohlenhydrate, darüber hinaus aber auch viele Vitamine sowie Mineral- und Ballaststoffe. Dadurch kann die Glukose verzögert im Blut ankommen.
Die meisten Ballaststoffe sind in der Schale der jeweiligen Frucht enthalten. Eine Banane enthält relativ viel Zucker, zudem isst man diese ohne Schale. Sie wirkt sehr schnell auf den Blutzucker. Wird ein Apfel mit seiner Schale verzehrt, verzögert sich die Wirkung mehr als bei einem geschälten Apfel.
Aber: Früchte wirken grundsätzlich schnell. Somit kann bei drohendem Unterzucker auch ein Apfel helfen. Bei einer akuten Unterzuckerung ist ein Apfel hingegen weniger geeignet, da es zu lange dauert, ihn vollständig zu essen. Greife in einem solchen Fall also besser zu flüssigen, schnell verfügbaren Zuckern, wie sie etwa in Fruchtsäften und Softdrinks enthalten sind.
Eine wesentliche Rolle spielt außerdem, wie stark das jeweilige Lebensmittel verarbeitet ist.
Beispiel: Getreide bringt an und für sich eine hohe Nährstoffdichte mit. Wird es jedoch zu Weißbrot verarbeitet, so gehen im Zuge der Produktion viele Ballast- und Nährstoffe verloren. Die Folge ist, dass der Körper die Kohlenhydrate und sonstigen Stoffe schnell aufspalten kann, sodass die Glukose rasch im Blut ankommt.
Auch der Mahlgrad spielt eine Rolle: Je feiner das Mehl gemahlen wird, desto schneller können die Kohlenhydrate aufgespalten und ins Blut transportiert werden. Daher wirkt selbst ein "Vollkorn-Toast" im Vergleich zum Körnerbrot noch sehr schnell auf den Blutzucker. Oder um beim Apfel zu bleiben: Ein pürierter, zum Saft gepresster Apfel geht noch schneller ins Blut als ein Stück Apfel.
Faustregel: Je naturbelassener ein Lebensmittel ist, desto weniger wird der Einfluss auf den Blutzucker verändert. Stark verarbeitete Lebensmittel haben in der Regel einen schnelleren und stärkeren Einfluss auf den Blutzucker. Deshalb solltest du hauptsächlich auf nicht oder möglichst wenig verarbeitete Lebensmittel setzen.
Vollkornprodukte enthalten im Vergleich zu raffinierten weißen Getreideprodukten mehr Nähr- und Ballaststoffe, weil sie aus dem ganzen Getreidekorn bestehen und nicht so stark verarbeitet sind. Somit wirken sie sich langsamer und schwächer auf den Blutzucker aus. Dementsprechend tust du deinem Körper einen großen Gefallen, wenn du beispielsweise statt Weißbrot lieber Vollkornbrot, statt weißem Reis lieber Vollkornreis und statt weißen Nudeln lieber Vollkornnudeln isst. Wie genau Ballaststoffe im Darm wirken und in welchen Lebensmitteln besonders viele stecken, erfährst du in unserem Beitrag über Vitamine, Ballaststoffe & Spurenelemente bei Diabetes Typ 1.
Resistente Stärke nutzen: Kohlenhydrate einsparen bei der KE-Berechnung
Zum Abschluss dieses Kapitels noch ein paar wichtige Anmerkungen zu einer bestimmten Form von Kohlenhydraten: der Stärke. Stärkehaltige Lebensmittel wie Kartoffeln, Mais, Reis oder Teigwaren geben deinem Körper viel Energie, also Glukose, die mit Insulin abgedeckt werden muss.
Ein spezielles Phänomen ist die sogenannte resistente Stärke. Sie entsteht, wenn du bestimmte stärkehaltige Lebensmittel erst kochst, dann für etwa zwölf bis 24 Stunden abkühlen lässt und anschließend wieder erhitzt. Dabei verändert sich die chemische Struktur der Stärke ein Stück weit. Dies macht sie für unseren Darm nahezu unverdaulich, also praktisch zu Ballaststoffen.
Das bedeutet: Resistente Stärke ist nicht glykämisch wirksam. Wenn du die Kohlenhydrate zur Ermittlung der KE berechnest, kannst du aufgrund des Anteils der resistenten Stärke circa zehn Prozent der Kohlenhydratmenge abziehen.
Bei Kartoffeln ist es nicht unbedingt notwendig, sie nach dem Abkühlen noch einmal zu erhitzen. Die resistente Stärke entsteht bei diesem Nahrungsmittel allein durch das Abkühlen. Somit kannst du beispielsweise Kartoffeln kochen, sie dann abkühlen lassen und am nächsten Tag direkt leckeren Kartoffelsalat aus ihnen zaubern. Der Benefit der resistenten Stärke ist dir sicher.
Zucker, alternative Süßungsmittel und "komplizierte Lebensmittel"
Süßigkeiten, Fast Food oder Alkohol bei Diabetes Typ 1 gelten oft als kompliziert, sind aber bei der richtigen Berechnung nicht streng verboten.
Klassische Zuckerarten wie Traubenzucker, Haushaltszucker, Milchzucker und Malzzucker lassen den Blutzucker jedoch schnell und stark ansteigen und müssen bei Diabetes mit Insulin abgedeckt werden.
Eine Ausnahme bildet Fruchtzucker. Er hat einen sehr niedrigen Glykämischen Index (GI). Der Grund dafür ist, dass Fructose mehr oder weniger insulinunabhängig in der Leber verwertet wird. Fruchtzucker benötigt also weniger Insulin als die anderen klassischen Zuckerarten, um aus dem Blut in die Zellen zu gelangen.
Es gibt verschiedene alternative Süßungsmittel, die (fast) nicht auf den Blutzucker wirken, weil sie nicht verstoffwechselt, sondern wieder ausgeschieden werden. Dazu gehören künstlich hergestellte Süßstoffe wie Saccharin oder Stevia sowie meist natürlich vorkommende Zuckeraustauschstoffe (Zuckeralkohole, auch mehrwertige Alkohole genannt) wie Xylit (Birkenzucker), Erythrit oder Maltit.
Auch wenn sie den Blutzucker nicht bzw. kaum beeinflussen, solltest du diese Süßungsmittel nur in Maßen konsumieren. Große Mengen der Zuckeralternativen können Bauchschmerzen und Durchfall verursachen, zudem sind nicht alle von ihnen und ihre gesundheitlichen Auswirkungen in Gänze erforscht. Beachte außerdem, dass die meisten Zuckeraustauschstoffe Kalorien enthalten, wenn auch deutlich weniger als Haushaltszucker. Süßstoffe sind prinzipiell kalorienfrei.
Lebensmittelhersteller müssen Zuckeralternativen als Kohlenhydrate deklarieren, weil einige davon Energielieferanten sind. Somit werden auch blutzuckerunwirksame Zuckeraustauschstoffe auf den Etiketten als Kohlenhydrate angegeben. Ziehe in solchen Fällen den Kohlenhydratanteil dieser Austauschstoffe jeweils ab, wenn du deine Insulindosis berechnest.
So berechnest du Zuckeraustauschstoffe richtig
Wenn du zuckerfreie Produkte (wie spezielle Low-Carb-Riegel, Kaugummis oder Zero-Getränke) kaufst, wirf einen Blick auf die Nährwerttabelle. Dort findest du unter den Kohlenhydraten den Unterpunkt „mehrwertige Alkohole“.
Beispiel 1: Erythrit (0 % blutzuckerwirksam)
Du hast einen Riegel mit folgenden Werten auf der Verpackung:
Kohlenhydrate insgesamt: 18 g
davon mehrwertige Alkohole (z. B. Erythrit): 12 g
Da Erythrit den Blutzucker überhaupt nicht beeinflusst, darfst du diesen Anteil komplett von den Gesamtkohlenhydraten abziehen:
18 g (Gesamt-KH) - 12 g (Erythrit) = 6 g wirksame Kohlenhydrate
Für deine Insulindosis berechnest du in diesem Fall also nur 6 g Kohlenhydrate (entspricht 0,6 KE). Spritzt du fälschlicherweise für die gesamten 18 g, riskierst du eine Unterzuckerung!
Beispiel 2: Mit Xylit / Birkenzucker (ca. 50 % blutzuckerwirksam)
Du hast zuckerfreie Bonbons mit folgenden Werten auf der Verpackung:
Kohlenhydrate insgesamt: 15 g
davon mehrwertige Alkohole (Xylit): 10 g
Xylit (genau wie Maltit oder Sorbit) lässt den Blutzucker zwar deutlich langsamer ansteigen, ist aber eben nicht komplett wirkungslos. Im Schnitt rechnet man die Hälfte der Menge an. Das bedeutet, du darfst nur 50 % des Xylit-Anteils abziehen:
10 g Xylit = 5 g wirksame Kohlenhydrate aus dem Xylit.
Die restlichen 5 g des Produkts (15 g Gesamt - 10 g Xylit) sind meist normale, voll anrechenbare Kohlenhydrate (wie z. B. Stärke oder Fruchtzucker).
Die Rechnung lautet also:
5 g (wirksames Xylit) + 5 g (restliche KH) = 10 g wirksame Kohlenhydrate
Für deine Insulindosis berechnest du hier also 10 g Kohlenhydrate (entspricht genau 1 KE).
| Stoffklasse | Name des Süßungsmittels | Wirkung auf den Blutzucker | Anzurechnender Anteil (für die KE-Berechnung) | Besonderheiten & Alltagstipps |
|---|---|---|---|---|
| Zuckeraustauschstoffe (Mehrwertige Alkohole) | Erythrit (z. B. in Xucker Light) | Keine | 0 % (komplett abziehen) | Wird fast vollständig unberührt wieder ausgeschieden und ist sehr darmverträglich. |
| Xylit (Birkenzucker) | Gering bis mittel | 50 % (die Hälfte abziehen) | Vorsicht bei Hunden: Xylit ist für Haustiere lebensgefährlich! | |
| Maltit / Maltitsirup | Gering bis mittel | 50 % (die Hälfte abziehen) | Steckt sehr häufig in zuckerfreien Schokoladen und Dickungsmitteln. | |
| Isomalt | Gering | 50 % (die Hälfte abziehen) | Wird oft für zuckerfreie Bonbons verwendet. | |
| Sorbit / Sorbitol | Gering | 50 % (die Hälfte abziehen) | Kommt auch natürlich in manchen Obstsorten (z. B. Pflaumen) vor. | |
| Mannit | Gering | 50 % (die Hälfte abziehen) | Wird seltener verwendet, meist in Kaugummis. | |
| Süßstoffe (Künstlich oder pflanzlich) | Stevia (Stevioglykoside) | Keine | 0 % (nicht anrechnen) | Pflanzlichen Ursprungs, hat oft einen leicht bitteren, lakritzartigen Beigeschmack. |
| Sucralose | Keine | 0 % (nicht anrechnen) | Sehr hitzestabil, eignet sich gut zum Backen und Kochen. | |
| Aspartam | Keine | 0 % (nicht anrechnen) | Häufig in Diät-Softdrinks (z. B. Cola Light). Nicht hitzestabil. | |
| Acesulfam-K | Keine | 0 % (nicht anrechnen) | Wird im Alltag fast immer mit Aspartam kombiniert. | |
| Saccharin | Keine | 0 % (nicht anrechnen) | Einer der ältesten künstlichen Süßstoffe. |
Wichtiger Hinweis für deinen Magen-Darm-Trakt
Die Zuckeraustauschstoffe (die obere Hälfte der Tabelle) ziehen im Darm Wasser und werden von den Darmbakterien fermentiert. Konsumierst du zu große Mengen davon auf einmal, kann das zu Blähungen, Bauchschmerzen und Durchfall führen. Auf Produkten mit diesen Stoffen findest du daher immer den Warnhinweis: „Kann bei übermäßigem Verzehr abführend wirken.“
Welche Lebensmittel bei Diabetes kompliziert sind und warum
Menschen reagieren unterschiedlich auf bestimmte Lebensmittel. Dennoch gibt es einige Produkte, die besonders herausfordernd sind. Warum? Weil sie den Blutzucker in extremer Weise beeinflussen, also den Glukosespiegel schnell und stark ansteigen oder aber genauso rapide wieder abfallen lassen, was zu einer Unterzuckerung führen kann.
Beispiele für solche "komplizierten" Lebensmittel sind Süßigkeiten, Fast Food, (viele) Fertigprodukte und Alkohol. Wir gehen im Folgenden kurz näher auf sie ein.
1. Süßigkeiten
Bei herkömmlichen Süßigkeiten ist der Fall klar: Sie enthalten große Mengen an Haushaltszucker.
2. Fast Food und Fertigprodukte
Fast Food und einige Fertigprodukte aus dem Supermarkt sind sehr stark verarbeitet. Außerdem enthalten sie häufig zugesetzten Zucker.
3. Alkohol
Alkohol hat eine hohe Energiedichte. Darüber hinaus hindert er die Leber daran, Glukose ins Blut freizusetzen, was einen Blutzuckerabfall begünstigt.
Um einer Unterzuckerung vorzubeugen, trinke Alkohol möglichst nur zu einer KE-/FPE-haltigen Mahlzeit. Wenn du Alkohol trinkst, dann denk daran, dass der Abbau des Alkohols Energie benötigt, was in der Zeit nach dem Konsum zu einem Abfall des Blutzuckers führen kann. Sei deshalb nach dem Konsum von größeren Mengen Alkohol besonders vorsichtig mit Korrekturboli.
Wichtig: Es gibt zwar komplizierte, aber – abgesehen von Allergien oder Unverträglichkeiten (etwa Gluten, Laktose, Milcheiweiß etc.) – keine verbotenen Lebensmittel. Bestimmte Produkte sind für Menschen mit Diabetes lediglich etwas schwieriger zu handhaben als andere. Dennoch kannst du Süßigkeiten, Fast Food, Fertigprodukte und Alkohol in Maßen genießen.
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