Fett-Protein-Einheiten (FPE) berechnen bei Diabetes Typ 1: Der Guide für Pizza, Tofu & Co.

In Kürze:
Späte Blutzuckerspitzen durch Fette und Proteine: Während Kohlenhydrate sofort ins Blut gehen, wirken Fette und Eiweiße stark verzögert.
Berechnung von FPE´s: Kleine Mengen an FPE sind "gratis", während reine Fett-/Proteinmahlzeiten zusätzlich berechnet werden müssen.
Das richtige Timing bei der Insulinabgabe: Die Insulinabgabe für FPE erfolgt zeitversetzt. Je nach FPE-Menge wirken sie über zwei bis acht Stunden.
Geduld, digitale Helfer und Rücksprache: Mit Rechnern, Apps oder dem Karteikarten-Trick wird die Berechnung rasch zur Routine. Voraussetzung für die FPE-Anpassung sind stabile Basalraten sowie Rücksprachen mit dem eigenen Diabetes-Team.
Wer die Diagnose Diabetes Typ 1 erhält, lernt meist als Erstes: Kohlenhydrate lassen den Blutzucker steigen und müssen mit schnellem Insulin abgedeckt werden. Doch was ist mit der deftigen Salamipizza, dem saftigen Steak oder dem gegrillten Tofu? Nach ein paar Stunden folgt oft die Überraschung: Der Blutzuckerspiegel schießt plötzlich unerklärlich in die Höhe, obwohl man alle Kohlenhydrateinheiten (KE) fehlerfrei berechnet hat.
Der Grund dafür sind die anderen beiden Makronährstoffe der „Big 3“: Fette und Proteine. In diesem Artikel erfährst du, was Fett-Protein-Einheiten (FPE) sind, wann du sie berechnen musst und wie du das Insulin perfekt anpasst, um Blutzuckerspitzen Stunden nach dem Essen zu vermeiden.
Warum lassen Fett und Eiweiß den Blutzucker ansteigen?
Im Gegensatz zu Kohlenhydraten, die direkt ins Blut gehen, wirken Fette und Proteine stark verzögert. Der Körper spaltet sie im Verdauungstrakt langsam auf. Ein Teil der Proteine wird in der Leber über die sogenannte Gluconeogenese verzögert in Glukose umgewandelt. Fette verlangsamen zusätzlich die Magenentleerung, wodurch auch enthaltene Kohlenhydrate erst viel später im Blut ankommen.
Das bedeutet: Der Blutzucker steigt erst mehrere Stunden nach der Mahlzeit an.
Hintergrundwissen: Die ideale Nährstoffverteilung bei Diabetes Typ 1
Fette und Proteine sind keine „Gegner“ deines Blutzuckers, sondern lebensnotwendige Bausteine, um deinen Stoffwechsel aufzubrechen und aufrechtzuerhalten. Folgende Zusammensetzung der Makronährstoffe gilt für die Ernährung bei Diabetes Typ 1 als ideal:
50% Ballaststoffe
25% Kohlenhydrate
25% Fette und Proteine
Dies sind nur Richtwerte. Je nach deinen körperlichen Voraussetzungen und deinem individuellen Lebensstil kannst du die Gewichtung natürlich anpassen, bspw. wenn man abnehmen oder Muskeln aufbauen will.
Fett-Protein-Einheiten (FPE) berechnen: Zwei einfache Methoden für den Alltag
Sobald FPE im Spiel sind, solltest du beim Berechnen der Insulinmenge besonders achtsam sein. Dabei gilt:
Besteht das Lebensmittel oder die Mahlzeit hauptsächlich aus Kohlenhydraten und enthält nur in Maßen Fette und Proteine, so deckt in der Regel der KE- oder BE-Faktor die Fette und Proteine bereits ab. In diesem Fall ist es nicht erforderlich, dass du die Fett-Protein-Einheiten (FPE) berechnest. Beispiele: Brot, Nudeln und Reis.
Isst du nur sehr geringe Mengen an FPE, beispielsweise durch eine Scheibe Käse auf deinem Brot, kannst du die Wirkung der FPE normalerweise auch vernachlässigen. Sie werden erst ab einer größeren Menge relevant. Frei nach dem Motto: Die erste FPE ist gratis.
Besteht das Lebensmittel oder die Mahlzeit nur oder größtenteils aus Fetten und Proteinen, solltest du auch Insulin für die FPE spritzen und Letztere somit zusätzlich zu den KE oder BE berechnen. Beispiele: größere Mengen Tofu, Tempeh, Käse und andere Milchprodukte sowie Linsen, Nüsse und Samen oder auch Fisch und Fleisch (besonders helles Fleisch wie Hähnchen oder Pute).
Es gibt zwei Methoden, um die FPE zu berechnen. Diese sind im Alltag jedoch eher unpraktisch, da man selten alle Nährwerte immer zur Hand hat. Daher ist das Schätzen von FPE´s im Alltag unerlässlich! Mehr über das Schätzen von FPE´s lernst du in unserem Topic Talk.
Wir stellen dir im Folgenden trotzdem die zwei Methoden zur Berechnung kurz vor:
Methode 1 Berechnung FPE:
Relevante Ausgangswerte im Überblick:
1 FPE = 100 kcal (Kilokalorien) aus Fetten und Proteinen
1 g Fett = 9 kcal
1 g Protein = 4 kcal
Formel: Kilokaloriengehalt (kcal) aus Fetten und Proteinen / 100 = Anzahl der FPE
Rechenbeispiel für eine Bio-Tiefkühlpizza mit Spinat und Feta:
Inhalt: 373 g
Fett pro 100 g: 4,6 g
Protein pro 100 g: 4,3 g
Die Pizza enthält rund 17 Gramm Fett (3,73 x 4,6), was circa 153 Kilokalorien entspricht (17 x 9).
Hinzu kommen ungefähr 16 Gramm Protein (3,73 x 4,3), was etwa 64 Kilokalorien entspricht (16 x 4).
Der Kilokaloriengehalt (kcal) aus Fetten und Proteinen beträgt somit 217 (153 + 64).
Demnach hat die Pizza 2,17 Fett-Protein-Einheiten (217 / 100).
Diese Methode zum Berechnen der FPE stammt von der polnischen Medizinerin Dr. Ewa Pankowska. Sie sieht vor, dass man für die Verstoffwechslung von einer Fett-Protein-Einheit genauso viel Insulin benötigt wie für die Verstoffwechslung von einer Kohlenhydrateinheit, sprich:
1 FPE = 1 KE
Jedoch ist es elementar, dass man seinen Blutzucker sorgfältig überwacht. Denn bei der genannten Dosierung kann das Risiko für eine Unterzuckerung steigen. Aus diesem Grund empfehlen viele DiabetologInnen, zunächst für eine FPE lediglich die halbe Insulinmenge einer KE zu spritzen, sprich:
1 FPE = 0,5 KE
Methode 2 Berechnung FPE:
Relevante Ausgangswerte im Überblick:
11 g Fett = 1 FPE
25 g Protein = 1 FPE
Formel: FPE aus Fetten + FPE aus Proteinen = (Gesamt-)FPE
Rechenbeispiel für Bio-Tofu:
Inhalt: 300 g
Fett pro 100 g: 7,9 g
Protein pro 100 g: 13 g
Der Tofu enthält 23,7 Gramm Fett (3 x 7,9), also circa 2,15 FPE (23,7 / 11).
Hinzu kommen 39 Gramm Protein (3 x 13), also 1,56 FPE (39 / 25).
Insgesamt hat derTofu somit 3,71 FPE (2,15 + 1,56).
Egal, ob du Methode 1 oder 2 anwendest: Das Ergebnis ist annähernd gleich.
Die ganze Rechnerei kann im ersten Moment kompliziert und mühsam klingen. Doch keine Sorge: Nach einigen Wiederholungen fällt es dir leicht, die FPE zu ermitteln. Außerdem speicherst du die Fett-Protein-Einheiten für Lebensmittel und Mahlzeiten, die du häufiger isst, sehr bald in deinem Gedächtnis ab, sodass du sie gar nicht mehr berechnen musst.
Der Karteikarten-Trick
Lege dir Karteikarten für deine Lieblingsgerichte an. Schreibe auf die Vorderseite das Gericht, also z. B. „Meine Lieblings-Spinatpizza, 1 Stück“, und auf die Rückseite die berechneten FPE. So baust du dir eine schnelle und unkomplizierte Gedächtnisstütze.
Bei FPE ist es besonders wichtig, dass du deinen Blutzucker nach der Mahlzeit aufmerksam beobachtest – ganz besonders, wenn du die FPE am Abend gegessen hast, da diese dann bis in die Nacht hinein wirken können. Taste dich auch hier langsam heran.
Es kann passieren, dass du zwei bis drei Stunden nach dem Essen einen guten Blut-/Gewebezucker hast. Unter diesen Umständen fühlst du dich mit einem Bolus für die FPE möglicherweise nicht wohl. Warte im Zweifel auf den leichten Anstieg deines Blutzuckers und spritze den FPE-Bolus erst dann.
Das richtige Timing: FPE und die Insulinabgabe
Fette und Proteine lassen den Blutzucker verzögert ansteigen. Deshalb solltest du die Insulinmenge für die FPE nicht zusammen mit der Insulindosis für die Kohlenhydrate spritzen, sondern damit etwas warten. Wie lange genau, hängt von der Anzahl der FPE ab. Faustregeln zur groben Orientierung:
die erste FPE ist “gratis”, oft wird hier kein Insulin benötigt
2-3 FPE wirken ca. 2 bis 4 Stunden nach dem Essen
4+ FPE wirken ca. 2 bis 8 Stunden nach dem Essen
Beispiel: Du isst eine Portion Pommes. Hier reicht oft ein kleiner Bolus nach 1,5 bis 2 Stunden nach dem Essen, da der Fettanteil hier nicht so hoch ist. Bei einer Pizza hingegen braucht es oft eine “Drei-Boli-Strategie”. Das bedeutet du spritzt den ersten Bolus für die schnellen KH, den zweiten und dritten Bolus dann für die FPE´s. Durch die große Kohlenhydratmenge plus den hohen Fettanteil verdaut der Körper die Pizza meist über einen längeren Zeitraum.
Wenn du ein Pumpen-/AID-System nutzt, hast du es etwas leichter: Je nach Modell kannst du beispielsweise einen "verzögerten Bolus" programmieren, damit die Pumpe über einen längeren Zeitraum Insulin in deinen Körper abgibt. Andere Systeme bieten eine verstärkte Insulinabgabe für einen bestimmten Zeitraum oder eine Erinnerungsfunktion.
Mehr über Technik für Menschen mit Diabetes Typ 1 findest du in unserem Detailartikel.
Verwendest du einen Pen, so tastest du dich einfach langsam an die Lösung heran. Beispielsweise kannst du etwa zwei bis drei Stunden nach einer fett- und proteinreichen Mahlzeit eine kleine Dosis Insulin nachspritzen.
Wenn dein Wert zwei bis drei Stunden nach dem Essen noch perfekt flach verläuft, fühlst du dich vielleicht unwohl dabei, "auf Verdacht" Insulin nachzuspritzen. Warte in diesem Fall einfach ab und beobachte, ob dein CGM-System einen leichten, kontinuierlichen Aufwärtstrend zeigt. Gib nur einen FPE-Bolus ab, wenn du dich dabei sicher fühlst, und beobachte deine Trendpfeile für die nächsten Stunden gut.
Grundsätzlich wichtig: Behalte deinen Blutzucker bei der Anpassung der FPE-Insulingaben gut im Auge, um eine Unterzuckerung zu vermeiden. Und: Bevor du anfängst, mit FPE zu arbeiten, solltest du deine Basalraten-Einstellung und KE-Faktoren sorgfältig überprüfen. Die Anpassung von FPE erfordert Geduld und Fingerspitzengefühl. Besprich dich am besten mit deinem Diabetes-Team dazu. Gemeinsam findet ihr die ideale Lösung.
