Diabetes-Gadgets 2026, die dein Management verändern

Spoiler: Nach dem Lesen dieses Beitrags wirst du dir kaum mehr vorstellen können, dass es für Menschen mit Diabetes vor gerade einmal zehn Jahren noch an der Tagesordnung stand, die Glukose per Fingerstich zu messen, Insulin manuell zu spritzen und mit hohem eigenen Aufwand Tagebuch zu führen. Das Diabetes-Management hat sich seither rasant und extrem verändert. Moderne Diabetes-Technik nimmt dir heute einen beachtlichen Teil ab und trägt klar dazu bei, dass dir im Alltag mehr Zeit und Gedankenfreiheit für andere Dinge bleibt. Du musst weiterhin selbst Entscheidungen treffen und dafür deinen Körper verstehen und über deinen Diabetes und die Therapie Bescheid wissen. Doch immer mehr technische Helfer übernehmen Aufgaben, die früher komplett bei dir lagen. Sie beobachten deine Glukoseverläufe, erkennen Trends, warnen vor drohenden Unterzuckerungen und passen die Insulinabgabe automatisch an. Kurz gesagt: Die Technik ist definitiv eine nützliche Ergänzung, aber kein Ersatz für dein Knowhow. Ein CGM-Sensor kann ermitteln, wie es gerade um deine Glukose steht, ein Algorithmus auf Basis der gemessenen Werte die Entwicklung in den nächsten Stunden prognostizieren und eine Insulinpumpe deinen Körper kontinuierlich mit der passenden Menge Insulin versorgen. Aber du solltest trotzdem wissen, was eine Hypo bedeutet, wie Sport oder Stress deinen Blutzucker beeinflusst und wie du in bestimmten Situationen handeln musst. Doch nun ran an die Diabetes-Gadgets. Im Folgenden schauen wir uns an, was 2026 tatsächlich schon verfügbar ist und welche Entwicklungen das Management in Zukunft noch weiter revolutionieren könnten und vermutlich auch werden.

Das Fundament: CGM-Systeme 2026

Ein CGM-System (“Continuous Glucose Monitoring”) misst deine Glukose rund um die Uhr, ohne dass du dir dafür ständig in den Finger stechen musst. Dafür trägst du einen kleinen Sensor, der mit einem sehr dünnen Messfühler im Unterhautfettgewebe sitzt – meist am Oberarm, je nach System eventuell auch am Bauch. Der Sensor erfasst regelmäßig die Glukosekonzentration und sendet die Daten an ein Empfangsgerät, beispielsweise eine App auf deinem Smartphone. Du siehst dort dann nicht nur deinen aktuellen Wert, sondern auch, ob deine Glukose gerade steigt, fällt oder stabil bleibt.

Die derzeit erhältlichen CGM-Systeme unterscheiden sich vor allem in Bezug auf die Größe, Tragedauer, Aufwärmzeit und Anbindung an Insulinpumpen und andere Anwendungen:

CGM-SystemEigenschaften/Besonderheiten
Dexcom G7
  • Rund 60 % kleiner als der Vorgänger G6
  • All-in-One-Sensor inklusive Transmitter
  • Nur etwa 30 Minuten Aufwärmzeit
  • Kompatibel mit dem schlauchlosen Omnipod 5
FreeStyle Libre 3
  • Besonders klein und flach
  • Bis zu 14 Tage Tragedauer
  • Günstigste CGM-Option
  • Kann unter anderem mit mylife YpsoPump und CamAPS FX kombiniert werden
Eversense E3
  • Sensor wird unter die Haut implantiert und nicht regelmäßig selbst aufgeklebt
  • Bis zu 180 Tage Tragedauer – deutlich länger als bei klassischen CGM-Sensoren
  • Besonders interessant für Menschen, die häufige Sensorwechsel oder Hautprobleme durch Pflaster vermeiden möchten
Accu-Chek SmartGuide
  • CGM-System von Roche mit Fokus auf Vorhersagen und Unterstützung bei Therapieentscheidungen
  • Seit September 2025 CE-gekennzeichnet für die Integration in die mySugr-App
  • Kombination aus CGM-Daten und App soll mögliche Entwicklungen besser vorhersehbar machen

Smartwatch, CGM-Anzeige – und das große Missverständnis

Wenn deine Glukosewerte ohnehin schon digital auf deinem Smartphone landen, liegt die Frage nahe: Warum nicht gleich auf der Smartwatch? Dahingehend kommt es allerdings in letzter Zeit immer wieder zu einem großen Missverständnis. Wir wollen nicht lange um den heißen Brei herumreden: Bestimmte Smartwatches können deine CGM-Daten anzeigen, sie aber NICHT MESSEN!

Du hast die Möglichkeit, beispielsweise eine Apple Watch oder Samsung Galaxy Watch mit einem kompatiblen CGM-System bzw. der entsprechenden App zu verbinden. Dann erscheint der aktuelle Glukosewert sozusagen direkt auf deinem Handgelenk. Das ist ausgesprochen praktisch, ob beim Sport, im Meeting, im Auto, im Kino oder nachts. Du musst dann nicht dauernd das Handy zücken. Aber: Die Messung selbst übernimmt weiterhin der Sensor – zumindest vorerst noch…

Apple, Samsung und andere Unternehmen forschen seit mehreren Jahren an nicht-invasiven Messtechnologien per Laser bzw. Spektroskopie. Die Idee ist faszinierend: Licht könnte theoretisch Informationen über die Glukosekonzentration im Körper liefern. Doch für die praktische Umsetzung steht den WissenschaftlerInnen noch einiges an Arbeit bevor. Schließlich gibt es so viele Faktoren, die eine Messung beeinflussen, etwa die Haut, das Gewebe, die Bewegung oder auch die Temperatur.

Bleiben wir also realistisch: Eine medizinisch zuverlässige, nicht-invasive Glukosemessung direkt durch eine Smartwatch gibt es Stand jetzt nicht, auch wenn manche dubiose Hersteller von Smartwatches schamlos behaupten, ihre Geräte könnten den Blutzucker ohne Hautverletzung eigenständig messen. 2024 veröffentlichte die FDA (Food and Drug Administration) deshalb eine Sicherheitswarnung. Die US-Behörde rät ausdrücklich davon ab, Smartwatches oder Smart Rings zu verwenden, die mit dem derzeit Unmöglichen werben – aus einem einfachen Grund: Ein falscher Wert kann zu einer falschen Therapieentscheidung führen und gravierende Auswirkungen haben. Auch in Deutschland und Europa ist das Problem bekannt. Die Bundesnetzagentur beispielsweise berichtete Anfang 2026 über Smartwatches, die eine Blutzuckermessung simulieren.

Der echte Gamechanger: Closed-Loop- und AID-Systeme 2026

Ein Closed-Loop-System, auch AID-System (Automated Insulin Delivery) genannt, besteht im Wesentlichen aus drei Teilen: einem CGM-Sensor, einem Algorithmus und einer Insulinpumpe. Der CGM-Sensor liefert fortlaufend Glukosewerte, der Algorithmus analysiert diese Daten und die Insulinpumpe setzt die berechneten Anpassungen um. Wenn die CGM-Messungen die Augen des Systems sind, ist der Algorithmus das Gehirn und die Insulinpumpe der ausführende Arm. So kannst du dir ein solches System in etwa vorstellen.

Man unterscheidet dabei zwischen Hybrid Closed Loop und Fully Closed Loop. Bei einem Hybrid-System übernimmt die Technik einen großen Teil der täglichen Insulinsteuerung automatisch, du musst aber weiterhin aktiv mithelfen – insbesondere bei Mahlzeiten. Du gibst also beispielsweise an, dass du gleich 60 Gramm Kohlenhydrate isst, und das System berechnet daraus den passenden Bolus. Ein Fully Closed Loop will dagegen möglichst ohne solche manuellen Eingaben auskommen. Der Algorithmus soll hier auch auf Mahlzeiten und andere Veränderungen selbstständig reagieren – eine der großen Zukunftsvisionen der Diabetes-Technologie. Fully-Systeme befinden sich derzeit noch in der Entwicklung.

Die folgende Tabelle gibt dir einen Überblick über einige der aktuell wichtigsten AID-Systeme:

AID-SystemEigenschaften/Besonderheiten
Omnipod 5
  • Schlauchlos: Der kleine, mit Insulin gefüllte Pod klebt direkt auf der Haut und gibt das Insulin über eine kurze Kanüle ab
  • CGM: Dexcom G6 oder G7
  • Algorithmus: SmartAdjust sitzt direkt im Pod und passt die Insulinabgabe alle fünf Minuten an
MiniMed 780G
  • Klassische Schlauchpumpe
  • CGM: Guardian 4 oder Simplera
  • Algorithmus: SmartGuard passt die Insulinabgabe alle fünf Minuten an und kann auch automatische Korrekturboli abgeben
  • Geeignet, wenn du möglichst viel automatische Unterstützung möchtest
mylife Loop mit CamAPS FX und YpsoPump
  • Kleine, leichte YpsoPump lässt sich trotz Schlauch sehr diskret am Körper positionieren
  • CGM: Dexcom G7 oder FreeStyle Libre 3
  • Algorithmus: CamAPS FX läuft als App auf dem Smartphone und steuert darüber die YpsoPump
  • Bietet dir viele Modi, vor allem für Sport, z.B. Ease Off und Boost
Kaleido + DBLG2
  • Flexibel tragbar: als Patch-Pumpe mit 5-cm-Schlauch direkt auf der Haut oder mit 30-cm-Schlauch in der Tasche
  • CGM: Dexcom G7
  • Algorithmus: DBLG2 von Diabeloop
twiist
  • Schlauchpumpe mit hoher Kapazität (bis zu 300 Einheiten Insulin)
  • CGM: FreeStyle Libre 3+ oder Eversense 365 (in Planung)
  • Volle iOS-Steuerung über iPhone und Apple Watch (als erstes AID-System)
  • Bislang nur in den USA zugelassen (Stand: Juli 2026)

Was bringt dir ein AID-System im Alltag?

Hier ein paar Beispiele, damit du dir den Nutzen eines Closed-Loop-Systems im Alltag besser vorstellen kannst:

Nachts: Du schläfst und bekommst nicht mit, dass dein Blutzucker langsam sinkt. Das System erkennt den Trend und kann die Insulinabgabe reduzieren oder pausieren. Steigt deine Glukose dagegen, kann es die Abgabe erhöhen bzw. Korrekturen vornehmen. Du musst also nicht jede kleine Veränderung selbst ausgleichen.

Beim Sport: Bewegung kann deinen Glukosewert teilweise sehr schnell verändern. Die meisten Systeme bieten dir dafür einen speziellen Aktivitäts- oder Sportmodus. Der Algorithmus berücksichtigt dann, dass du Sport machst und deshalb möglicherweise weniger Insulin benötigst.

Nach dem Essen: Du musst bei einem Hybrid Closed Loop weiterhin deine Mahlzeit ankündigen, um einen Bolus abzugeben. Hast du die Kohlenhydratmenge aber einmal unterschätzt oder reagiert dein Körper anders als erwartet, kann das System die anschließende Entwicklung teilweise automatisch abfangen.

Allgemein: Du musst nicht mehr selbst auf jede einzelne Blutzuckerschwankung reagieren. Das System übernimmt einen Teil der Routinearbeit – und verschafft dir dadurch mehr Freiheit und mentale Entlastung.

DIY-Looping: AndroidAPS, Loop und iAPS

Was wäre, wenn du dein eigenes AID-System zusammenbauen könntest? Genau darum geht es beim DIY-Looping. Im Mittelpunkt stehen Open-Source-Systeme, deren jeweilige Software von einer Community bestehend aus Menschen mit Diabetes selbst entwickelt und laufend verbessert wird. Anders als bei einem kommerziellen AID-System bekommst du also nicht CGM, Algorithmus und Pumpe als fertiges Gesamtpaket. Stattdessen kombinierst du verschiedene Komponenten: Du nutzt beispielsweise ein kompatibles CGM, eine unterstützte Insulinpumpe und eine Open-Source-App auf deinem Smartphone. Die App empfängt die Glukosedaten, wertet sie mit dem individuellen Algorithmus aus und sendet anschließend Befehle an die Insulinpumpe. Dieser Teil ist also wie gehabt.

Klingt kompliziert? Ist es ehrlich gesagt auch. Deshalb nutzen vorrangig sogenannte Power-User solche DIY-Systeme. Damit sind Menschen gemeint, die sich sehr intensiv mit ihrer Diabetes-Technologie beschäftigen, technisch enorm versiert sind und ihr System gerne selbst konfigurieren und anpassen. Sie schätzen vor allem die große eigene Kontrolle über die Einstellungen und die Möglichkeit, neue Funktionen oft schneller nutzen zu können als bei kommerziellen Medizinprodukten.

Die bekanntesten Open-Source-Systeme:

  • AndroidAPS (Android) – Version 3.3 wurde im Dezember 2024 veröffentlicht

  • DIY Loop (iOS) – Version 3.6 erschien im April 2025

  • iAPS (iOS) – Version 6.4 wurde im April 2025 veröffentlicht

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CLOSE-IT-Studie

CLOSE-IT ist eine randomisierte kontrollierte Studie, die den Einsatz des AAPS (Android Artificial Pancreas System) im vollautomatischen Modus ohne Mahlzeitenankündigung über 12 Wochen bei Erwachsenen mit Typ 1 Diabetes untersuchte. Bei den Teilnehmenden zeigte sich, dass AndroidAPS ohne klassischen Mahlzeitenbolus nicht schlechter abschnitt als mit einer herkömmlichen Kohlenhydrateingabe. Diese Erkenntnisse sind als wichtiger Schritt in Richtung Fully Closed Loop zu werten, bei dem der Algorithmus Mahlzeiten selbstständig anhand des Glukoseverlaufs erkennen und ausgleichen kann. Aber: AndroidAPS ist dadurch nicht automatisch ein offiziell zugelassenes Fully-Closed-Loop-Medizinprodukt!

Die Kehrseite der Freiheit

Die herausragenden Vorteile von DIY-Systemen – Kontrolle und Flexibilität – sind zugleich die größten Herausforderungen. Du musst dein System selbst einrichten, Komponenten miteinander verbinden, Updates durchführen und dich mit den technischen Einstellungen auskennen. Auch die Fehlersuche liegt weitgehend bei dir.

Beachte: Die Open-Source-Systeme sind nicht als Gesamtpaket CE- oder FDA-zugelassen. DIY-Looping kann eine Off-Label-Nutzung einzelner Komponenten bedeuten. Das heißt, dass die Hersteller der verwendeten Pumpen, Sensoren oder Apps in der Regel keine Verantwortung für ein selbst zusammengestelltes DIY-System übernehmen und nicht für daraus entstehende Probleme haften. 

DIY-Looping ist deshalb definitiv nicht für jeden geeignet. Wenn du dich aber intensiv mit Technik beschäftigst und maximale Kontrolle über dein Diabetes-Management willst, findest du darin eine sehr flexible Alternative zu kommerziellen AID-Systemen. Wichtig ist dabei, dass du dich umfassend informierst und einarbeitest. Wäge Nutzen und Risiken am besten auch gemeinsam mit deinem Diabetes-Team ab.

KI & Predictive Features: vorhersagen statt reagieren

Die nächste Entwicklungsstufe lautet: Nicht erst reagieren, wenn etwas passiert – sondern schon vorher wissen, was wahrscheinlich geschehen wird. KI, also künstliche Intelligenz, macht’s möglich. Apps und digitale Plattformen wie Sugarmate, Glooko und Hedia versuchen, Daten aus CGM, Insulin, Mahlzeiten und Aktivität verständlicher zusammenzuführen, um Verläufe besser prognostizieren zu können.

Sugarmate

  • Hauptaufgabe: Begleit-App für kontinuierliche Glukosemessung (CGM), besonders bekannt für Dexcom.

  • Besonderheiten: Bietet sehr direkte Benachrichtigungen, übersichtliche Trend-Anzeigen und kann bei tiefen Werten das Telefon anrufen oder Kontakte warnen.

  • Zielgruppe: NutzerInnen, die sich eine einfache, schicke und alarmstarke Ansicht ihrer Sensorwerte wünschen.

Glooko

  • Hauptaufgabe: Umfassende Plattform für das Diabetes-Datenmanagement.

  • Besonderheiten: Führt Daten von vielen Geräten (Messgeräte, Pumpen, Pens, Waagen) an einem Ort zusammen und leitet diese direkt an den Arzt/die Ärztin oder die Praxis weiter.

  • Zielgruppe: Menschen mit Diabetes und Kliniken, die eine professionelle Auswertung und den Datenaustausch für den nächsten Arzttermin brauchen.

Hedia (Hedia Diabetes Assistant)

  • Hauptaufgabe: Intelligenter Bolusrechner und Dosierungshelfer für Insulin.

  • Besonderheiten: Berechnet auf Basis des Blutzuckers, der Kohlenhydrate und der Bewegung personalisierte Empfehlungen für die Insulindosis.

  • Hinweis zur Verbindung: Hedia ist seit Januar 2025 fest in Glooko integriert, ergänzt dieses also um die konkrete Dosiervorgabe für Mahlzeiten.

Prädiktives CGM-Modell von Accu-Chek 

Beim EASD-Jahreskongress 2025 in Wien stellte Roche das KI-gestützte Accu-Chek SmartGuide CGM-System und dessen Integration mit der mySugr-App vor, nachdem es das CE-Kennzeichen erhalten hatte. Das prädiktive Modell nutzt künstliche Intelligenz, um Glukosewerte bis zu zwei Stunden im Voraus zu berechnen, vor niedrigen Werten in den nächsten 30 Minuten zu warnen und das Risiko nächtlicher Hypos über sieben Stunden zu prognostizieren.

Hier die Funktionen der prädiktiven App im Überblick:

  • Glukosevorhersage: Zeigt die voraussichtliche Entwicklung der Werte für die nächsten zwei Stunden an.

  • Warnung vor Unterzuckerung: Warnt aktiv bei einem drohenden niedrigen Blutzucker innerhalb von 30 Minuten.

  • Nächtliches Risiko: Schätzt die Wahrscheinlichkeit nächtlicher Unterzuckerungen (aktiv zwischen 21:00 und 02:00 Uhr).

  • mySugr-Integration: Verknüpft die Vorhersagen mit Protokollen, Mahlzeitenfotos und Bolusberechnungen.

Der Nutzen prädiktiver Features im Alltag

Stell dir einfach folgende Szenarien vor:

Du gehst joggen. Das System erkennt anhand deiner bisherigen Daten, dass dein Glukosewert bei dieser Belastung typischerweise deutlich fällt.

Du isst Pizza. Statt nur zu sehen, dass dein Wert jetzt steigt, berücksichtigt der Algorithmus, dass eine fettreiche Mahlzeit häufig verzögert wirkt.

Du hast einen stressigen Arbeitstag. Deine bisherigen Daten zeigen, dass dein Blutzucker in solchen Situationen regelmäßig anders reagiert.

Die Quintessenz: Der Algorithmus lernt deine Muster und kann sich in entsprechenden Situationen frühzeitig anpassen. Verwechsle KI aber nicht mit Magie. Ein prädiktives Modell kann Wahrscheinlichkeiten berechnen. Es kennt aber nicht automatisch alle Faktoren, die deinen Körper beeinflussen. Deshalb bleibt die menschliche Kontrolle wichtig.

Weniger bekannte, aber interessante Gadgets

Die großen CGM- und AID-Systeme stehen verständlicherweise im Rampenlicht. Doch daneben wird an vielen kleineren Innovationen getüftelt. Ein paar davon seien an dieser Stelle kurz erwähnt.

Smarter Autoinjektor SmartPilot für YpsoMate

“Wann genau habe ich eigentlich gespritzt?!” Falls du klassische Insulinpens nutzt und nicht mehr riskieren willst, an hektischen Tagen eine Dosis zu vergessen oder versehentlich doppelt zu geben, wirst du einen smarten Autoinjektor wie den SmartPilot für YpsoMate lieben. Es handelt sich dabei um ein wiederverwendbares, digitales Zusatzgerät (Add-on), das den herkömmlichen YpsoMate-Autoinjektor in ein vernetztes, intelligentes System verwandelt. Der SmartPilot zeichnet Injektionsdaten – ja, auch den Zeitpunkt – auf, führt den Anwender oder die Anwenderin Schritt für Schritt durch die Injektion und überträgt die Informationen per Bluetooth an ein Smartphone. Er ist das erste FDA-zugelassene Gerät dieser Art.

Kombinierter Glukose-Keton-Sensor

Im Mai 2026 hat Abbott die CE-Kennzeichnung und damit die Zulassung für die weltweit ersten kombinierten Glukose-Keton-Sensoren erhalten. Die Systeme Libre Duo und Libre Duo 10 Day messen minütlich sowohl den Glukose- als auch den Ketonwert in einem einzigen Wearable. Damit soll der Träger oder die Trägerin frühzeitig vor ansteigenden Ketonen gewarnt werden, um einer diabetischen Ketoazidose vorzubeugen.

Modellvarianten:

  • Libre Duo: Für Erwachsene ab 18 Jahren, Tragedauer beträgt bis zu 15 Tage

  • Libre Duo 10 Day: Speziell für Kinder und Jugendliche ab zwei Jahren, Tragedauer beträgt bis zu zehn Tage

Lumen – metabolischer Atemtest

Mit dem Gerät Lumen kannst du einen metabolischen Atemtest durchführen, um zu prüfen, wie dein Energiestoffwechsel gerade arbeitet, ob er im Moment eher Kohlenhydrate oder Fett verbrennt. Das Handgerät misst die Konzentration von Kohlenstoffdioxid (CO₂) in der ausgeatmeten Luft. Ein hoher CO₂-Wert zeigt an, dass der Körper gerade vermehrt Kohlenhydrate verbrennt, während ein niedriger Wert auf die Verbrennung von Fetten hindeutet. Die gemessenen Werte werden an eine Smartphone-App übertragen, die tägliche Ernährungstipps und Einblicke in die sogenannte metabolische Flexibilität gibt. 

Lumen kann vor allem für Menschen mit Diabetes Typ 2 nützlich sein. Bei Typ 2 Diabetes ist der Stoffwechsel oft starr und kann schlecht auf Fettverbrennung umschalten. Das Gerät gibt Aufschluss darüber, ob der Körper metabolisch flexibel ist, also zwischen den Brennstoffen wechselt und im Ruhezustand richtig Fett nutzt. Es hilft somit, Ernährungseffekte direkt zu kontrollieren, und unterstützt so das Blutzuckermanagement. Beispielsweise kannst du die Kohlenhydratmenge anpassen, wenn du feststellst, dass deine metabolische Flexibilität stark eingeschränkt ist.

Microneedle-Pflaster

Microneedle-Pflaster für Diabetes sind innovative, schmerzfreie Pflaster, die winzige, mikroskopisch kleine Nadeln nutzen, um den Blutzucker zu messen oder Insulin abzugeben. Weil sie weniger als einen Millimeter kurz und extrem dünn sind, dringen sie nur in die oberen Hautschichten ein, ohne tieferliegende Nerven zu berühren. Deshalb ist die Anwendung schmerzfrei. Aber: Wir reden hier von Zukunftsmusik. Denn eine allgemeine medizinische Marktzulassung gibt es derzeit weder für “Smart Insulin Patches” noch für Microneedle-Pflaster, die den Gewebezucker auslesen und die Daten an das Smartphone übertragen. Es bedarf noch weiterer klinischer Studien.

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Blick in die Zukunft

Die Entwicklungen, die wir uns bisher angesehen haben, sind bereits verfügbar oder zumindest nah an der Zulassung. Doch die Forschung geht immer weiter. Einige der folgenden Ansätze könnten das Diabetes-Management in den kommenden Jahren noch einmal grundlegend verändern – auch wenn bei den meisten Innovationen noch längst nicht klar ist, wann sie den Sprung aus dem Labor in die breite Versorgung schaffen.

Smart Insulin – Insulin, das sich selbst an den Glukosewert anpasst

Stell dir vor, du müsstest nicht mehr genau berechnen, wie viel Insulin du zu einer Mahlzeit brauchst; stattdessen würde sich das Insulin selbst an deinen Glukosewert anpassen. Genau das ist die Idee hinter sogenanntem Smart Insulin wie NNC2215 von Novo Nordisk. Der Wirkstoff wurde 2024 in der Fachzeitschrift Nature vorgestellt. Er soll seine Aktivität abhängig von der Glukosekonzentration verändern: Bei niedrigem Glukosespiegel wird weniger Insulin verfügbar; steigt der Blutzucker, wird mehr Insulin freigesetzt. Das könnte langfristig helfen, Unterzuckerungen zu vermeiden, und die Insulintherapie noch einmal enorm vereinfachen.

Insulin und Glukagon in einem Molekül

WissenschaftlerInnen der Indiana University School of Medicine haben ein neues Fusionsprotein entwickelt, das Insulin und Glukagon in einem einzigen Molekül verbindet. Dieses Smart Insulin nutzt die natürliche Leberfunktion, um den Blutzuckerspiegel bei Typ 1 Diabetes auszugleichen und gefährliche Unterzuckerungen zu verhindern. Bei hohem Blutzucker wirkt das senkende Insulin, bei niedrigem Blutzucker schaltet sich das erhöhende Glukagon ein. Darüber hinaus zeichnet sich das neuartige Protein dadurch aus, dass es über Wochen ohne Kühlung stabil bleibt, was die Lagerung und weltweite Nutzung erleichtert.

Bihormonales AID-System mit Insulin und Glukagon

Das niederländische Unternehmen Inreda hat ein bihormonales AID-System entwickelt, das mit Insulin und Glukagon arbeitet. Wenn dein Blutzucker zu stark sinkt, kann es nicht nur wie sonst üblich die Insulinzufuhr reduzieren, sondern zusätzlich aktiv Glukagon abgeben, also noch einmal flexibler auf Schwankungen reagieren. Gerade bei Sport oder unerwartet starker körperlicher Belastung ist das interessant. Das Inreda AP hat bereits im Februar 2020 die Zulassung für Europa in Form der CE-Kennzeichnung erhalten. Seither ist die Dual-Hormon-Pumpe national schrittweise über spezielle medizinische Projekte und in Zusammenarbeit mit bestimmten Krankenkassen verfügbar, jedoch noch nicht im freien allgemeinen Verkauf für alle Menschen mit Diabetes Typ 1. Die Einführung des verbesserten, kompakteren Nachfolgemodells – Inreda AP6 – soll noch 2026 erfolgen.

Fully Closed Loop – der Diabetes-Autopilot wird immer realistischer

Das Ziel für die sehr nahe Zukunft ist ein echter Fully Closed Loop, der mehr oder weniger ganz ohne deine tägliche Mitarbeit auskommt. Du musst dann nicht mehr Kohlenhydrate zählen und jede Mahlzeit vorher ankündigen. Der Algorithmus erkennt anhand der CGM-Daten selbst, dass dein Glukosewert nach dem Essen steigt, und reagiert automatisch. Mit Studien wie EVOLUTION 2 rund um das Omnipod-System wird diese Vision weiter erforscht. Den aktuellen Ergebnisstand präsentierte der Hersteller Insulet im Rahmen der ATTD-Konferenz 2026 in Barcelona (ATTD = Advanced Technologies & Treatments for Diabetes). Auch andere Hersteller arbeiten an einer vollständig automatisierten Insulinabgabe. Die Fully-Closed-Loop-Funktion CamAPS Liberty für das System mylife Loop soll sogar noch im Jahr 2026 über ein Update der CamAPS FX App verfügbar werden.

Nicht-invasive Glukosemessung – der Traum vom Sensor ohne Nadel

Smartwatches oder andere Wearables, die den Glukosewert messen, ohne dass ein Sensor unter die Haut muss – davon träumen viele Menschen mit Diabetes. Geforscht wird vorrangig an spektroskopischen Verfahren mit Licht: Optoakustik und Laser. Bis dato gibt es allerdings noch kein medizinisch zugelassenes Produkt, das eine zuverlässige nicht-invasive Blutzuckermessung für den Alltag ermöglicht. Die technischen Herausforderungen sind ungeheuer groß, weil Haut, Gewebe, Bewegung und Temperatur die Messung beeinflussen. Wann solche Technologien tatsächlich marktreif werden, lässt sich deshalb kaum vorhersagen. Ein Zeitraum von 2028 oder später wird zwar immer wieder als mögliche Perspektive genannt, ist aber keineswegs garantiert.

Implantierbare Betazellen – wenn der Körper wieder selbst Insulin produziert

Die wohl langfristigste Vision geht noch einmal einen Schritt weiter: Statt Diabetes dauerhaft mit von außen zugeführtem Insulin zu managen, lassen sich in Zukunft vielleicht tatsächlich die fehlenden insulinproduzierenden Betazellen im Körper ersetzen. Unternehmen wie Vertex (Zimislecel, vorher VX-880) und Adocia (AdoShell) forschen an Zelltherapien, bei denen aus Stammzellen gewonnene insulinproduzierende Zellen in den Körper transplantiert werden. Erste klinische Untersuchungen am Menschen laufen bereits. Bis daraus eine breit verfügbare Therapie wird, ist es aber vermutlich noch ein langer Weg. Sollte dieser Ansatz erfolgreich sein, könnte er das Diabetes-Management allerdings grundlegend verändern, wenn der Körper im Idealfall wirklich wieder in der Lage wäre, eigenständig auf den Glukosespiegel zu reagieren.

Hype vs. Realität – was du NICHT kaufen solltest

Wenn ein Gadget für 39 Euro behauptet, es könne deinen Blutzucker rund um die Uhr messen, wohlgemerkt ohne Sensor, ohne Hautkontakt und ohne medizinische Zulassung, sollte deine erste Reaktion nicht Begeisterung sein, sondern Skepsis. Achte besonders auf folgende Warnzeichen:

  • Das Produkt gaukelt vor, echten Blutzucker direkt am Handgelenk zu messen.

  • Es gibt keinen klar benannten, zugelassenen medizinischen Messsensor.

  • Die Werbung spricht von “Laser”, “KI” oder “Quantentechnologie”, erklärt aber nicht nachvollziehbar, wie die Messung validiert wurde.

  • Es fehlen transparente Informationen zur medizinischen Zulassung.

  • Auf der Verkaufsseite findest du nur extrem positive Bewertungen.

  • Der Anbieter verspricht, dass du Insulin anhand der Uhrwerte dosieren kannst.

  • Das Produkt wird vor allem über Social Media oder dubiose Online-Marktplätze verkauft.

Zur Erinnerung: Die FDA hat 2024 ausdrücklich vor Smartwatches und Smart Rings gewarnt, die angeblich den Blutzucker messen können. Und auch die Bundesnetzagentur berichtete 2026 über Smartwatches, die Blutzuckermessungen lediglich simulieren.

Deine Checkliste für ein seriöses Diabetes-Gadget:

✓ Der Hersteller ist ein etabliertes Unternehmen.

✓ Es liegt eine nachvollziehbare Produkt- und Datendokumentation vor.

✓ Es wird explizit erklärt, was das Produkt konkret messen kann und was nicht.

✓ Das Produkt ist CE- oder FDA-zertifiziert.

Fazit: Vom Selbstmanagement zum Autopiloten – realistisch betrachtet

Die Entwicklung der Diabetes-Technologie bzw. Diabetes-Therapie lässt sich in vier Stufen beschreiben:

  • Stufe 1: Manuell: Du misst, entscheidest und spritzt selbst.

  • Stufe 2: Assistiert: Durch Sensoren und Pumpen erübrigt sich das manuelle Messen und Spritzen. Apps liefern dir schnellere und bessere Informationen.

  • Stufe 3: Hybrid-automatisiert: Ein Algorithmus übernimmt einen Teil der Insulinsteuerung, du bleibst aber aktiv beteiligt.

  • Stufe 4: Fully Automated: Das System trifft mehr oder weniger alle Entscheidungen selbst und führt sie auch automatisch aus – einschließlich Mahlzeitenbolus.

Wir sind 2026 längst in der dritten Stufe angekommen. Und die vierte rückt immer näher.

Wenn wir uns das Ganze mal detaillierter vergegenwärtigen, ist die eigentliche Revolution nicht ein einzelnes Gadget, sondern die Kombination aus mehreren Elementen: Der CGM-Sensor liefert kontinuierlich Glukosedaten, der Algorithmus und die Pumpe des jeweiligen AID-Systems reagieren darauf. KI kann Muster erkennen und Vorhersagen verbessern. Smartwatches bringen die Informationen komfortabel direkt auf dein Handgelenk, auch wenn sie bislang ganz klar nicht in der Lage sind, den Blutzucker auch gleich zu messen.

Das Zusammenspiel von CGM + AID + KI kann dich bei deinem Diabetes-Management spürbar entlasten und den Diabetes für dich selbst und deine Mitmenschen sehr viel unsichtbarer machen. Deine Aufgaben verschieben sich, du wirst sozusagen vom “menschlichen Taschenrechner” zum Manager oder zur Managerin deiner Technologie.

Während die Forschung weiter eifrig daran tüftelt, Diabetes irgendwann vollends unsichtbar zu machen, liegt die wichtigste Erkenntnis für den Moment unserer Ansicht nach darin, dass du nicht unbedingt die futuristischsten Gadgets brauchst, sondern die beste Kombination für dich persönlich. Vielleicht ist das ein einfaches CGM-System zusammen mit Pens oder einer Insulinpumpe; vielleicht ein bestimmter Hybrid Closed Loop, der genau die Eigenschaften hat, die du dir für deinen Alltag wünschst.

Bis wir die Möglichkeit haben, uns die fehlenden insulinproduzierenden Zellen implantieren zu lassen, es klingt fast nach Science Fiction, empfehlen wir dir, dich umfassend zu informieren und auszuprobieren, was zu deinem Leben passt und dir mehr Freiheit gibt. Triff die Entscheidung am besten gemeinsam mit deinem Diabetes-Team.

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