Ernährung während der Schwangerschaft bei Diabetes Typ 1

In Kürze:
Nährstoff-Balance statt „Essen für zwei“: Ein leicht erhöhter Kalorienbedarf im zweiten und dritten Trimester erfordert kein doppeltes Essen, sondern eine kluge Makronährstoff-Verteilung. In unserem Artikel erfährst du mehr darüber.
Morgendliche Hormonschwemme & Spritz-Ess-Abstand: Schwangerschaftshormone wie Progesteron und Cortisol wirken morgens als starke Insulin-Gegenspieler und lassen den Blutzucker nach dem Frühstück rasch ansteigen. Mit Lebensmitteln mit niedrigem glykämischem Index und einem deutlich verlängerten Spritz-Ess-Abstand (SEA) kannst du die Kurve flacher halten und den strengen Zielwert von unter 140 mg/dl nach einer Stunde eher einhalten.
Wichtige Mikronährstoffe & Supplemente: Für die gesunde Entwicklung deines Babys sind Folsäure (spätestens vier Wochen vor der Empfängnis), Jod, B-Vitamine, Eisen und Magnesium unverzichtbar. Stimme jede Nahrungsergänzung mit deinem Ärzteteam ab.
Strikte No-Gos & Ketone-Gefahr: Du solltest Rohmilchprodukte, rohes Fleisch, rohen Fisch und eierhaltige Speisen konsequent vom Speiseplan fernhalten, um Infektionen zu vermeiden. Außerdem solltest du Diäten und extrem kohlenhydratarme Ernährungsformen vermeiden, da ein Kohlenhydratmangel in der Schwangerschaft blitzschnell Ketone bilden kann und das Risiko einer Ketoazidose erhöhen kann.
Alltagstaugliche Teller-Regel & Süßungsmittel: Achte darauf, genügend Gemüse, Obst und Vollkornprodukte in deine Ernährung während der Schwangerschaft zu integrieren. Zuckeraustauschstoffe wie Xylit oder Sorbit solltest du, wenn überhaupt, in Maße konsumieren.
Eine ausgewogene Ernährung während der Schwangerschaft mit Diabetes Typ 1 ist wichtig für deine Gesundheit und die deines Kindes. Keine Sorge, du musst nicht wirklich “für zwei” essen, wie manchmal behauptet wird; dennoch steigt der Kalorienbedarf im zweiten und dritten Trimester, sodass du deine Ernährung ein Stück weit umstellen solltest. Die empfohlene Makronährstoffverteilung sieht wie folgt aus:
40 bis 50 % vollwertige Kohlenhydrate (z.B. Kartoffeln, Hafer, Vollkornreis und andere Vollkornprodukte)
30 bis 35 % (vorwiegend pflanzliche) Fette (z.B. Rapsöl, Walnussöl und Nüsse)
20 bis 25 % Proteine (z.B. Milchprodukte, Hülsenfrüchte, gekochte Eier und mageres Fleisch)
Zusätzlich solltest du täglich mindestens 30 Gramm Ballaststoffe zu dir nehmen.
Zum Vergleich: Für nicht schwangere Menschen mit Diabetes Typ 1 empfiehlt sich eine Verteilung von 50 Prozent Ballaststoffen, 25 Prozent Kohlenhydraten sowie 25 Prozent Fetten und Proteinen. Auf unserer Wissensplattform findest du mehrere informative Beiträge rund um die Ernährung mit Typ 1 Diabetes. Der Großteil der dortigen Tipps gilt genauso während der Schwangerschaft mit Diabetes Typ 1.
Die Vorteile von Ballaststoffen für Schwangere mit Diabetes Typ 1
Ballaststoffe sind für Menschen mit Diabetes Typ 1 grundsätzlich enorm wichtig, weil sie helfen, den Blutzucker zu stabilisieren. Sie haben aber noch weitere Vorteile, von denen nicht zuletzt auch Schwangere profitieren: Ballaststoffe fördern eine gesunde Darmflora und beugen Verstopfung vor, die ansonsten während der Schwangerschaft häufiger auftritt. Zudem sorgen Ballaststoffe für langanhaltende Energie.
Reich an Ballaststoffen sind beispielsweise Vollkornprodukte wie Haferflocken, Vollkornbrot, Vollkornreis oder Vollkornnudeln, Hülsenfrüchte wie Linsen, Kichererbsen und Bohnen, Nüsse, Samen und Samenprodukte sowie oftmals auch Gemüse und Obst, etwa Spinat, Brokkoli, Paprika, Beeren und Äpfel. Mehr über Mikronährstoffe, Vitamine, Spurenelemente und Ballaststoffe bei Diabetes findest du in unserem separaten Artikel.
So einfach kannst du deine Ballaststoffzufuhr steigern:
Starte mit einem Haferflocken-Beeren-Müsli in den Tag.
Tausche Weißmehl- gegen Vollkornprodukte aus (Brot, Reis, Nudeln, etc.).
Reichere jede Mahlzeit mit einer Portion Gemüse an.
Iss täglich einen Apfel und eine Portion Nüsse.
Ballaststoffe binden Wasser. Deshalb solltest du viel Flüssigkeit zu dir nehmen. Wenn du gerade erst anfängst, dich ballaststoffreicher zu ernähren, kann es sein, dass du zunächst empfindlich auf die unverdaulichen Pflanzenbestandteile reagierst. Daher raten wir dir, die Menge langsam zu steigern, um Magen-Darm-Beschwerden zu vermeiden.
Konkrete Lebensmittelempfehlungen für schwangere Frauen
Pro Tag solltest du möglichst
3 Portionen Gemüse
2 Portionen Obst
2 Portionen Vollkornprodukte
2 Portionen Hülsenfrüchte
3 Portionen Milchprodukte
mindestens 2 EL pflanzliches Öl
mindestens 1,5 l Wasser und/oder ungesüßten Tee
zu dir nehmen.
Hier besonders wichtige Mikronährstoffe für die Zeit der Schwangerschaft und gute Quellen im Überblick:
Folsäure (Vitamin B9): Spinat, Brokkoli, Tomaten, Bananen, Eigelb
Weitere B-Vitamine: Fleisch und Fisch, Eier, Milchprodukte, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse und Samen, grünes Gemüse
Eisen: Fleisch, Hülsenfrüchte (z.B. Linsen, Erbsen, Bohnen), Nüsse
Jod: jodiertes Speisesalz, fetter Meeresfisch (z.B. Lachs, Hering)
Kalzium: Milchprodukte, Kohl, Brokkoli, Lauch
Magnesium: Nüsse, Kerne und Samen, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, grünes Gemüse, Kartoffeln, Bananen, Beeren, Trockenfrüchte (z.B. Datteln und Feigen), Kakao und Bitterschokolade
Omega-3-Fettsäuren: fetter Meeresfisch, Walnussöl, Rapsöl, Nüsse
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Die absoluten No-Gos in der Küche
Um gefährliche Infektionen wie Listeriose oder Toxoplasmose zu vermeiden, streiche rohes oder nicht durchgegartes Fleisch, rohen Fisch (Sushi), Rohmilchkäse und Produkte mit rohen Eiern (wie Tiramisu) komplett vom Speiseplan. Alkohol, Nikotin, Diäten und Fastenkuren sind absolut tabu. Und beachte, dass eine Unterversorgung mit Kohlenhydraten in der Schwangerschaft extrem schnell zur übermäßigen Bildung von Ketonen führen kann, was wiederum das Risiko einer gefährlichen Ketoazidose erhöht.
Auch bei Light-Produkten solltest du vorsichtig sein. Diese enthalten oft Süßstoffe. Die meisten davon sind in moderaten Mengen unbedenklich. Manche haben sogar Vorteile: Xylit (Birkenzucker) beispielsweise beeinflusst deinen Blutzucker praktisch gar nicht und schützt vor Karies. Allerdings kann es – ebenso wie Sorbit und Maltit – bei empfindlichen Personen oder einer zu hohen Dosierung abführend wirken. Konsumiere diese Zuckeraustauschstoffe also mit Bedacht, um Magen-Darm-Beschwerden wie Blähungen und Durchfall zu vermeiden.
Erfahre mehr über Zuckeraustauschstoffe in unserem Artikel zu Kohlenhydraten bei Diabetes.
Empfohlene Nahrungsmittelergänzungen für die Schwangerschaft bei Diabetes Typ 1
Ob mit oder ohne Diabetes Typ 1: Fachgesellschaften empfehlen allen Frauen, die ein Kind bekommen wollen, spätestens vier Wochen vor der Empfängnis bis zum Abschluss der zwölften Schwangerschaftswoche täglich mindestens 0,4 Milligramm Folsäure einzunehmen.
Zusätzlich empfiehlt sich während der Schwangerschaft die tägliche Einnahme von 0,1 bis 0,15 Milligramm (100 bis 200 Mikrogramm) Jod, um das Kind ausreichend mit dem Mineralstoff zu versorgen und Schilddrüsenkomplikationen vorzubeugen. Doch Vorsicht: Wenn du von einer Schilddrüsenerkrankung wie Hashimoto Thyreoiditis betroffen bist, solltest du vor einer Supplementierung mit Jod unbedingt deinen behandelnden Arzt oder deine behandelnde Ärztin konsultieren.
Apropos Schilddrüse: Eine ausreichende Versorgung mit Schilddrüsenhormon ist grundsätzlich sehr wichtig für die Entwicklung deines noch ungeborenen Kindes. Lass daher regelmäßig deine Schilddrüsenhormonwerte kontrollieren. Bei Bedarf verordnet dein Arzt oder deine Ärztin ein Schilddrüsenersatzhormon.
Solltest du aufgrund eines Indoor-Jobs Schwierigkeiten haben, täglich genügend Sonnen- bzw. Tageslicht zu tanken, kann die Einnahme eines Vitamin-D-Präparats sinnvoll sein, um einem Vitamin-D-Mangel vorzubeugen.
Prinzipiell wichtig: Besprich dich immer zuerst mit deinem Arzt oder deiner Ärztin, bevor du anfängst, Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen.
Hormone am Morgen und der Spritz-Ess-Abstand (SEA)
In der Schwangerschaft verschieben sich deine Prioritäten beim Essen ein wenig. Dein Körper reagiert nun extrem empfindlich auf Kohlenhydrate, insbesondere am Morgen. Das ist generell bei Diabetes Typ 1 der Fall aufgrund des Dawn-Phönomens, die schwangerschaftsspezifischen Hormone wie humanes Plazentalaktogen, Progesteron, Östrogene und Cortisol können das Dawn-Phänomen jedoch verstärken. Deshalb können am Morgen und nach dem Frühstück hohe Blutzuckerspitzen auftreten.
Um den strengen 1-Stunden-Wert von unter 140 mg/dl (< 7,8 mmol/l) einzuhalten, solltest du Lebensmittel mit einem niedrigen glykämischen Index bevorzugen. Zudem kann es hilfreich sein, deinen Spritz-Ess-Abstand (SEA) deutlich zu vergrößern. Dabei sind Wartezeiten von 30 bis 45 Minuten zwischen dem Bolus und dem ersten Bissen im zweiten und dritten Trimester absolut keine Seltenheit, um deine Kurve flach zu halten. Besuche gerne unsere Sprechstunde, um mit ExpertInnen neue Spritzstrategien für dich herauszufinde, um beispielsweise einen Blutzuckeranstieg direkt nach dem Aufstehen zu vermeiden.
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Fazit
Eine Schwangerschaft mit Typ 1 Diabetes fordert dir einiges ab. Sie zeigt dir aber auch jeden Tag, wie stark und anpassungsfähig du und dein Körper seid. Auch wenn Hormone am Morgen, der verlängerte Spritz-Ess-Abstand oder der Blick auf Mikronährstoffe manchmal wie ein Balanceakt wirken: Du musst das Rad nicht neu erfinden. Mit vollwertigen Kohlenhydraten, reichlich Ballaststoffen und wertvollen Fetten gibst du deinem Baby und dir genau das stabile Fundament, das ihr jetzt braucht.
Sieh die Anpassungen auf deinem Teller nicht als strenge Verbote, sondern als dein persönliches Werkzeugkit, um deine Blutzuckerspitzen sanft abzufangen und deine Energie konstant zu halten. Jeder kleine Schritt, ob die Handvoll Nüsse zwischendurch, das Extra-Gemüse auf dem Teller oder etwas Geduld vor dem ersten Bissen, bringt dich und dein Baby sicher durch diese aufregende Zeit. Vertraue auf deinen Körper, bleibe im engagierten Austausch mit deinem Diabetesteam und halte dir immer vor Augen, wofür du das tust. Du leistest hier Tag für Tag Großartiges!

