Insulinbedarf und Blutzucker in der Schwangerschaft bei Diabetes Typ 1

In Kürze:
Hormonelle Achterbahnfahrt: Dein Insulinbedarf kann sich durch die Schwangerschaftshormone extrem verändern. Wir erklären dir in unserem Beitrag, in welchen Phasen du mit Schwankungen rechnen kannst.
Strenge Blutzucker-Zielwerte: Engmaschige Kontrollen sind extrem wichtig, um Komplikationen wie schwere Unterzuckerungen oder eine Ketoazidose für dich und dein Baby effektiv zu vermeiden. Die angestrebten Zielwerte sind dabei strenger definiert und liegen beispielsweise vor dem Essen bei 65 bis 95 mg/dl sowie unter 140 mg/dl eine Stunde nach der Mahlzeit.
Fokus auf Time in Range (TIR) & CGM: Moderne CGM-Systeme sind ideal, um dich bei drohenden Blutzuckerentgleisungen frühzeitig zu alarmieren, damit du direkt sicher gegensteuern kannst. Dein wichtigster Messwert ist dabei die Time in Range.
Praktische Hacks bei Übelkeit und in der Stillzeit: Bei starker Schwangerschaftsübelkeit kann es nach Absprache mit deinem Diabetes-Team sinnvoll sein, das Insulin erst während oder nach dem Essen zu spritzen, um einen Absturz in die Hypo zu verhindern. Da das Stillen wie ein Cardio-Training extrem viele Kalorien verbrennt, solltest du an deinen bevorzugten Stillplätzen immer schnelle Hypo-Helfer griffbereit haben.
Starkes Sicherheitsnetz & Kommunikation: Informiere unbedingt dein Umfeld wie Familie und Kollegium darüber, wie sie dir bei schweren Unter- oder Überzuckerungen helfen können, da dies in der Schwangerschaft echte Notfälle sind. Eine Auffrischungsschulung zur Hypo-Wahrnehmung in deiner Diabetes-Praxis gibt dir zusätzliche Sicherheit, damit du jederzeit souverän das Steuer in der Hand behältst.
Während der Schwangerschaft mit Diabetes Typ 1 geht es im Wesentlichen um ein sehr gutes Blutzuckermanagement sowie regelmäßige ärztliche Untersuchungen einschließlich der pränatalen Diagnostik. Wir konzentrieren uns im Folgenden auf die Blutzuckerkontrolle im ersten, zweiten und dritten Trimester sowie nach der Entbindung.
Veränderungen des Blutzuckers und Insulinbedarfs in den einzelnen Phasen einer Schwangerschaft mit Diabetes Typ 1
Beeinflusst durch die Schwangerschaftshormone ändern sich der Blutzucker und damit auch der Insulinbedarf im Verlauf der Schwangerschaft bis zur Geburt des Kindes. Dementsprechend musst du die Insulindosis von Trimester zu Trimester relativ stark anpassen und generell besonders häufig deinen Blutzucker messen und bei Bedarf eingreifen.
Sehen wir uns das einmal ein wenig genauer an:
Das erste Trimester: wenn der Bedarf in den Keller rauscht
Im ersten Trimester sinkt der Insulinbedarf, sodass du ggf. weniger Insulin spritzen musst, um Unterzuckerungen zu vermeiden.
Hier besteht außerdem die Herausforderung Schwangerschaftsübelkeit: Wenn dir in den ersten Wochen morgens übel ist, kann das dein Diabetes-Management ordentlich durcheinanderwirbeln. Hast du dein Insulin bereits gespritzt, behältst das Essen aber nicht bei dir, rauscht der Blutzucker in den Keller. Sprich mit deinem Diabetes-Team darüber, ob es in dieser Phase besser sein könnte, das Insulin erst während oder kurz nach dem Essen zu spritzen, wenn du dir sicher bist, dass es drin bleibt. Ein Tipp hierfür wäre, Wasser mit Zucker oder Elekrolythen gemischt langsam zu trinken.
Das zweite und dritte Trimester: die große Insulinresistenz
Ab dem zweiten Trimester steigt der Insulinbedarf stark an, um bis zu 50 Prozent – und im dritten Trimester sogar um 70 bis 100 Prozent im Vergleich zum ersten Schwangerschaftsdrittel. Folglich musst du deine Insulindosis wieder erhöhen.
Warum ist das so? Die Plazenta produziert nun riesige Mengen an Hormonen (wie Progesteron und Cortisol). Diese wirken als natürliche Insulin-Gegenspieler. Dein Körper wird quasi absichtlich "resistent", damit mehr Glukose im Blut bleibt, die als Energie zum Baby transportiert werden kann. Für dich bedeutet das: Her mit mehr Insulin!
Keine Schwangerschaft verläuft wie die andere! Versuche deshalb, dich nicht mit anderen zu vergleichen, sondern beobachte gemeinsam mit deinem Diabetesteam, was dein Körper gerade braucht.
Die Entbindung: der plötzliche Absturz
Mit der Entbindung und dem Ausstoßen der Plazenta verschwinden die hormonellen Gegenspieler schlagartig. Der Blutzucker fällt drastisch ab, sodass du das Insulin sofort deutlich nach unten korrigieren solltest.
Und nach der Geburt? Ab in die Stillzeit!
Geschafft! Sobald dein Baby auf der Welt ist, fällt dein Insulinbedarf im Kreißsaal quasi über Nacht wieder auf dein normales Niveau vor der Schwangerschaft zurück. Wenn du dich entscheidest zu stillen, bleibt dein Bedarf oft sogar dauerhaft deutlich niedriger.
Warum? Stillen verbrennt unfassbar viele Kalorien und wirkt auf deinen Blutzucker wie eine ausgiebige Runde Cardio-Training. Hab deshalb am besten an jedem deiner bevorzugten Stillplätze (Sessel, Bett, Sofa) immer eine Packung Saft, Kekse oder Traubenzucker als schnellen Hypo-Helfer griffbereit!
Hypoglykämie- und Ketoazidose-Risiken reduzieren während einer Schwangerschaft mit Diabetes Typ 1
Da der Insulinbedarf im ersten Drittel einer Schwangerschaft mit Diabetes Typ 1 sinkt, hast du in dieser Phase ein erhöhtes Risiko für Unterzuckerungen, vor allem nachts. Im zweiten und dritten Schwangerschaftsdrittel ist genau das Gegenteil der Fall: Dein Blutzucker steigt rapide an, sodass es zu Überzuckerungen und eventuell zu einer Ketoazidose (Übersäuerung des Blutes durch Ketone infolge eines starken Insulinmangels) kommen kann.
Einen Überblick über die Symptome von und Maßnahmen bei Unter- und Überzuckerungen sowie einer Ketoazidose bei Diabetes Typ 1 erfährst du in unserem Beitrag zu den Komplikationen bei Diabetes Typ 1.
Um Komplikationen bei Diabetes Typ 1 von Unter- und Überzuckerungen bis hin zur Ketoazidose während der Schwangerschaft mit Typ 1 Diabetes vorzubeugen, ist es ungeheuer wichtig, dass du deinen Blutzucker engmaschig kontrollierst und von Trimester zu Trimester sowie bei Bedarf auch innerhalb einer bestimmten Schwangerschaftsphase die erforderlichen Anpassungen vornimmst.
Du solltest deinen Blutzucker mindestens siebenmal täglich messen: je einmal vor jeder Mahlzeit und eine Stunde danach sowie vor dem Schlafengehen. Der Mittelwert deiner Blutzuckerwerte sollte etwa zwischen 105 und 110 mg/dl (5,8 bis 6,1 mmol/l) liegen. Hier eine Übersicht der in der Schwangerschaft angestrebten Blutzuckerwerte gemäß der deutschen S2e-Leitlinie „Diabetes und Schwangerschaft":
Vor dem Essen: 65 bis 95 mg/dl (3,6 bis 5,3 mmol/l)
1 Stunde nach dem Essen: < 140 mg/dl (< 7,8 mmol/l)
2 Stunden nach dem Essen: < 120 mg/dl (< 6,7 mmol/l)
Zusätzlich vereinbaren viele Diabetes-Teams individuelle Zielkorridore für die Nacht und vor dem Schlafengehen (häufig etwa 90 bis 120 mg/dl vor dem Schlafen und über 65 mg/dl in der Nacht), um nächtliche Unterzuckerungen frühzeitig zu vermeiden. Sprich diese Feinjustierung am besten direkt mit deiner Diabetologin oder deinem Diabetologen ab, da sie individuell variieren kann.
Du hast persönliche Fragen?
Werde jetzt Dialetics-Member und stelle deine Fragen an echte ExpertInnen. Bis zu 20 Events pro Monat. Laufzeit monatlich oder jährlich. Jederzeit kündbar.
Kontinuierliche Messung: CGM und die Time in Range (TIR)
Damit du stets frühzeitig auf zu niedrige oder zu hohe Werte aufmerksam wirst, ist der Einsatz eines CGM-Systems (“continous glucose monitoring”) zur kontinuierlichen Glukosemessung ideal. Dabei trägst du einen Sensor im Unterhautfettgewebe, beispielsweise am Oberarm, damit du nicht mehr jedes Mal blutig mit einer Lanzette messen musst. Fällt der Blutzucker stark ab oder steigt zu sehr an, alarmiert dich das System sofort, sodass du frühzeitig intervenieren und so eine Unter- oder Überzuckerung vermeiden kannst – denn natürlich wird das System so eingestellt, dass du das Signal schon bei Gewebezuckerwerten erhältst, die zwar in die ungünstige Richtung tendieren, aber noch nicht wirklich im roten Bereich sind.
Dein wichtigster Wert ist die Time in Range (TIR): Wenn du ein CGM nutzt, schaust du vermutlich weniger auf den HbA1c-Wert, sondern mehr auf deine "Zeit im Zielbereich". In der Schwangerschaft ist dieser Bereich strenger definiert als sonst: Er liegt zwischen 63 und 140 mg/dl (3,5 bis 7,8 mmol/l). Das Ziel ist, dass du dich mindestens 70 Prozent des Tages in diesem Korridor bewegst. Mehr zur Bedeutung dieses Werts erfährst du in unserem Artikel HbA1c-Wert vs. Time in Range.
Info zu GCM-Systemen
Je nachdem, welches AID-System oder welche Insulinpumpe du nutzt, kommen für dich unterschiedliche CGM-Sensoren infrage – zum Beispiel der Dexcom G6/G7 oder FreeStyle Libre 3 (Plus). Welche Sensoren mit welchem System kompatibel sind, erfährst du unter anderem in unserem myHub zum mylife Loop sowie in unserem Artikel zur Schwangerschaft mit dem myLoop.
Tipp: Wenn du deinen Blutzucker aus irgendeinem Grund nur klassisch – also “blutig” – messen kannst, solltest du gegen 23 Uhr noch einmal in die Fingerbeere pieksen, um das Risiko für eine nächtliche Unterzuckerung abzuschätzen.
Sicherheit geht vor
Wichtig: Informiere unbedingt deine Familie, Freunde und Angehörige sowie beispielsweise Kollegen und Kolleginnen auf der Arbeit darüber, wie sie dir im Falle einer schweren Unter- oder Überzuckerung richtig helfen. Beachte, dass eine schwere Unterzuckerung oder eine Ketoazidose schon per se eine Notfallsituation ist – wenn du zudem schwanger bist, gilt das umso mehr. Kläre vorab mit deinem Diabetes-Team, ab welcher Blutzuckerhöhe du zusätzlich Ketone im Urin oder Blut messen solltest.
Außerdem kann es sinnvoll sein, in deiner behandelnden Diabetes-Praxis eine Schulung zur Auffrischung der Hypo-Wahrnehmung zu machen. Wenn du Unterzuckerungen frühzeitig spürst, kannst du durch die direkte Zufuhr schneller Kohlenhydrate eine schwere Hypo meist gut vermeiden.
Fazit
Eine Schwangerschaft mit Typ 1 Diabetes ist zweifellos ein echtes Management-Projekt: die hormonelle Achterbahnfahrt, vom sinkenden Insulinbedarf im ersten Trimester über die massive Insulinresistenz vor der Geburt bis hin zum plötzlichen Absturz im Kreißsaal, fordert einiges an Flexibilität und Aufmerksamkeit von dir.
Doch die wichtigste Botschaft lautet: Du bist dem nicht hilflos ausgeliefert. Mit modernen Technik-Tools für Menschen mit Diabetes Typ 1 wie CGM-Systemen, einer klaren Orientierung an der Time in Range (TIR) und einer engmaschigen Abstimmung mit deinem Diabetes-Team hast du das Steuer fest in der Hand. Wenn du deine Familie, Freunde und Angehörige für den Notfall sensibilisierst und die strengeren Zielwerte im Blick behältst, schützt du dich und dein ungeborenes Kind bestmöglich vor Risiken wie Hypos oder einer Ketoazidose.
Vertraue auf dein Wissen, nutze die aktuelle Diabetes-Technik und nimm dir die Zeit, die dein Körper jetzt braucht. Mit der richtigen Vorbereitung und einem starken Team an deiner Seite steht dem Abenteuer Familie absolut nichts im Weg. Die Belohnung am Ende ist ohnehin unbezahlbar!
Hinweis: Dieser Artikel bietet einen allgemeinen Überblick und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Deine persönlichen Zielwerte, Insulindosierungen und Anpassungen solltest du immer konkret mit deinem Diabetes-Team abstimmen.

