Die Sprache zählt – Mental Health bei Diabetes

In Kürze:
Worte haben eine enorme Kraft: Sprache ist nicht nur Austausch von Infos, sondern beeinflusst, wie Menschen mit Diabetes sich selbst sehen. Einfühlsame Worte machen Mut, während unbedachte Bemerkungen verletzen und Betroffene auf ihre Krankheit reduzieren.
Vorurteile im Alltag: Menschen mit Diabetes erleben oft verletzende Kommentare in der Familie, im Job oder sogar beim Arzt. Das liegt meist daran, dass viele Gesunde gar nicht wissen, wie komplex die Erkrankung ist, und dann vorschnell die Schuld zuweisen.
Der Mensch im Vordergrund: Der Begriff „Mensch mit Diabetes“ ist viel respektvoller als das abgestempelte Wort „Diabetiker“ oder „Diabetikerin“. Wenn wir statt von „schlechten Werten“ lieber von „Werten außerhalb des Zielbereichs“ sprechen, kann das den Druck nehmen und bei der Selbstfürsorge helfen.
Folgen für die mentale Gesundheit: Wer ständig kritisiert wird, zieht sich oft zurück, schämt sich oder fühlt sich einsam. Dieser ständige Stress (Diabetes-Distress) kann zu Depressionen führen.
Grenzen setzen und Hilfe holen: Niemand muss sich für seinen Diabetes rechtfertigen. Es ist völlig in Ordnung, bei verletzenden Sprüchen die eigenen Grenzen aufzuzeigen und sich Unterstützung in Selbsthilfegruppen oder beim psychologischen Fachpersonal zu suchen.
Wenn du mit Diabetes lebst, kennst du vielleicht Momente wie diese: Jemand macht einen unbedachten Kommentar zu deinem Essen, fragt dich, ob du "nicht besser aufpassen” könntest, oder bezeichnet dich als "Diabetiker” oder "Diabetikerin”. Mag sein, dass ein einzelner Satz oder ein einzelnes Wort zunächst harmlos erscheint. Doch Worte können mehr bewirken, als wir denken. Sie können Mut machen, Verständnis schaffen und Sicherheit geben – oder verletzen, beschämen und ausgrenzen. Gerade bei Diabetes, einer chronischen Erkrankung, die den Alltag auf vielfältige Weise beeinflusst, spielt Sprache deshalb eine wichtige Rolle für die psychische Gesundheit. Denn wie wir über Diabetes sprechen, bestimmt auch mit, wie Menschen mit Diabetes sich selbst und ihre Erkrankung wahrnehmen.
Die Macht der Sprache
Sprache dient bei weitem nicht "nur” dem Informationsaustausch. Mit unseren Worten vermitteln wir Haltungen, Wertvorstellungen und gesellschaftliche Bilder. Sprache spiegelt wider, wie wir über bestimmte Themen denken. Gleichzeitig trägt sie dazu bei, genau diese Denkweisen zu prägen und weiterzugeben. Das gilt ganz besonders in Bezug auf die Gesundheit. Wenn wir über körperliche oder psychische Erkrankungen sprechen, können unsere Worte Verständnis und Akzeptanz fördern. Sie können aber auch Vorurteile verstärken. Ein scheinbar beiläufiger Satz kann vermitteln: "Du bist selbst schuld”, "Du bist anders” oder "Mit dir stimmt etwas nicht". Gerade Menschen mit chronischen Erkrankungen sind häufiger mit solchen Botschaften konfrontiert.
Es ist ungemein wichtig, Worte bewusst zu wählen. Das gilt immer, in jeder Situation. Nicht, weil man ständig Angst haben müsste, etwas "Falsches” zu sagen, sondern einfach deshalb, weil eine respektvolle Sprache eine Form von Wertschätzung ist. Sie stellt den Menschen in den Mittelpunkt und nicht seine Diagnose. Ein wichtiger Grundsatz lautet deshalb: Ein Mensch hat Diabetes, aber er ist nicht der Diabetes. Die Erkrankung gehört zum Leben dieser Person, definiert aber nicht ihre gesamte Persönlichkeit, ihre Fähigkeiten, ihre Wünsche oder ihren Wert. Eine bewusste Sprache kann dabei helfen, genau das sichtbar zu machen.
Stigmatisierungen in Bezug auf Diabetes
Stigmatisierung bedeutet, dass Menschen aufgrund eines bestimmten Merkmals abgewertet, mit Vorurteilen belegt oder ausgegrenzt werden. Bei Diabetes kann das auf ganz unterschiedliche Art und Weise passieren. Betroffene werden beispielsweise als undiszipliniert, ungesund oder selbst schuld an ihrer Erkrankung dargestellt. Besonders Menschen mit Typ 2 Diabetes können davon ein Lied singen, aber auch Menschen mit Typ 1 Diabetes erleben immer wieder Vorurteile und Unverständnis.
Das liegt oftmals schlicht an Unwissenheit. Viele Menschen haben keine Ahnung davon, wie komplex Diabetes tatsächlich ist. Sie kennen die unterschiedlichen Diabetes-Formen nicht und wissen wenig darüber, welche genetischen, biologischen, sozialen und psychischen Faktoren eine Rolle spielen. Stattdessen greifen sie auf vereinfachte (Pseudo-)Erklärungen zurück: "zu viel Zucker”, "zu wenig Bewegung” oder eben "selbst schuld”.
Hinzu kommt eine teilweise unbewusste, gedankenlose Sprache. Nicht jeder verletzende Satz ist böse gemeint. Doch auch an und für sich wohlwollende Aussagen können schmerzen. Wenn ständig von "guten” und "schlechten” Blutzuckerwerten gesprochen wird, kann das beispielsweise den Eindruck vermitteln, ein Mensch habe versagt, wenn ein Wert nicht im gewünschten Bereich liegt. Stigmatisierung entsteht also nicht allein durch offene Ablehnung. Sie kann auch in kleinen, alltäglichen Bemerkungen stecken, die sich über Jahre summieren.
Wo Stigmatisierungen im Alltag auftreten
Stigmatisierung kann praktisch überall stattfinden, auch zuhause in der Familie. Großeltern oder andere Angehörige haben möglicherweise noch Vorstellungen von Diabetes, die aus einer Zeit stammen, in der über die Erkrankung deutlich weniger bekannt war als heute. Aussagen wie "Du darfst das doch gar nicht essen” oder "Früher gab es so etwas nicht” können verletzend sein – selbst wenn sie aus Sorge getätigt werden.
In der Schule können Kinder und Jugendliche mit Diabetes auffallen, wenn sie Blutzucker messen, Insulin spritzen oder nicht das Gleiche essen wie ihre Kameraden und Kameradinnen. Unwissenheit kann hier zu Hänseleien und Ausgrenzung führen. Ähnliches gilt für den Arbeitsplatz: Kollegen und Kolleginnen oder Vorgesetzte können Diabetes unterschätzen, falsch interpretieren oder Betroffene wegen notwendiger Pausen und Therapiemaßnahmen benachteiligen.
Auch im Freundeskreis, im Sportverein und im sonstigen sozialen Umfeld tauchen mitunter Vorurteile auf. Und in sozialen Medien und im Fernsehen wird Diabetes häufig stark vereinfacht dargestellt.
Selbst im medizinischen Umfeld kann Stigmatisierung vorkommen. Manche Menschen mit Diabetes berichten beispielsweise von wertenden Kommentaren, Schuldzuweisungen oder einer Kommunikation, die sich ausschließlich auf Zahlen und Therapieziele konzentriert, das Menschliche aber mehr oder weniger vollständig außer Acht lässt. Gerade dort, wo Betroffene eigentlich Unterstützung erwarten, können solche Erfahrungen besonders belastend sein.
Konkrete Beispiele für Formulierungen
Die folgende Tabelle zeigt typische Formulierungen, ihre mögliche Wirkung und Alternativen oder Erklärungen bzw. Richtigstellungen. Dabei geht es nicht darum, jede unglückliche Wortwahl zu verurteilen. Vielmehr soll die beispielhafte Übersicht dazu anregen, regelmäßig innezuhalten und sich zu fragen: Wie könnte das bei meinem Gegenüber ankommen?
| Stigmatisierende oder verletzende Aussage | Was sie bewirken oder vermitteln kann | Was man stattdessen sagen oder denken könnte |
|---|---|---|
| "Diabetiker" / "Diabetikerin" | Reduziert einen Menschen auf seine Erkrankung. Die Diagnose wird zum bestimmenden Merkmal der Person. | "Mensch mit Diabetes", "Person mit Diabetes" |
| "Du bist Diabetiker." / “Du bist Diabetikerin.” | Vermittelt: Der Diabetes ist deine Identität. | "Du hast Diabetes." |
| "Du hast wohl zu viel Zucker gegessen." | Suggeriert, Diabetes sei grundsätzlich durch falsches Essen entstanden. | "Möchtest du mir erzählen, wie der Diabetes bei dir entstanden ist?" |
| "Das darfst du doch gar nicht essen!" | Erzeugt ein Gefühl von Kontrolle, Scham oder Rechtfertigungsdruck. | "Musst du durch den Diabetes beim Essen etwas Bestimmtes beachten?" |
| "Du musst dich einfach besser zusammenreißen." | Unterstellt mangelnde Disziplin und ignoriert die Komplexität der Erkrankung und das Engagement des oder der Betroffenen. | "Was könnte dir helfen, deinen Diabetes im Alltag gut zu managen?" |
| "Dein Blutzucker ist aber schlecht." | Ein Messwert wird mit einer moralischen Bewertung verbunden. | "Dein Blutzuckerwert liegt gerade außerhalb deines Zielbereichs. Wie geht es dir damit?" |
| "Du hast deinen Diabetes nicht im Griff." | Kann Schuldgefühle, Versagensängste und Scham auslösen. | "Gibt es gerade etwas, das die Diabetes-Behandlung für dich schwieriger macht?" |
| "Du siehst gar nicht krank aus." | Kann die Erkrankung unsichtbar machen oder die Belastung der betroffenen Person infrage stellen. | Man sieht einem Menschen nicht immer an, was er im Alltag bewältigen muss… |
| "Das ist doch nur ein bisschen Diabetes." | Verharmlost die Erkrankung und ihre möglichen körperlichen und psychischen Belastungen. | "Diabetes kann den Alltag sehr herausfordernd machen. Wie geht es dir damit?" |
| "Mit Diabetes kannst du doch keinen Sport treiben." | Verstärkt falsche Vorstellungen und kann Menschen von Bewegung abhalten. | "Welche Sportart machst du gerne? Gibt es dabei etwas, das du wegen deines Diabetes beachten musst?" |
| "Du hast aber schon wieder einen hohen Wert." | Kann Vorwurf und Kontrolle vermitteln. | "Möchtest du darüber sprechen oder brauchst du gerade Unterstützung?" |
| "Wenn du abnehmen würdest, wäre dein Diabetes weg." | Reduziert eine komplexe Erkrankung auf das Körpergewicht und kann massiv beschämen. | "Diabetes ist komplex. Wenn du möchtest, können wir gemeinsam schauen, was dir guttun könnte." |
| "Du bist selbst schuld." | Erzeugt Scham, Schuldgefühle und den Eindruck, keine Hilfe zu verdienen. | Diabetes hat viele Ursachen und kann jeden Menschen treffen. |
Noch kurz ein Wort zur Bezeichnung "Diabetiker" oder “Diabetikerin”: Sie mag auf den ersten Blick lediglich eine neutrale Kurzform sein und es gibt auch Betroffene, die sich nicht daran stören. Viele Menschen mit Diabetes empfinden jedoch die personenzentrierte Formulierung "Mensch mit Diabetes" als respektvoller, weil sie die Person vor die Erkrankung stellt.
Wichtig: Der Einsatz von Sprache folgt keinem starren Regelwerk. Wir alle sollten einfach aufmerksam zuhören und respektieren, welche Begriffe die jeweilige Person selbst bevorzugt.
Ausmaße und psychische Folgen von Stigmatisierungen
Stigmatisierung kann tiefgreifende Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und auch auf die eigene Wahrnehmung des Diabetes haben. Besonders problematisch ist, dass sich negative Erfahrungen häufig gegenseitig verstärken: Ein verletzender Kommentar führt möglicherweise zu Scham, Scham eventuell zu Rückzug, Rückzug oft zu Einsamkeit – und die psychische Belastung kann wiederum einen förderlichen Umgang mit der Erkrankung erschweren.
Abwertung
Abwertung bedeutet, dass Menschen das Gefühl vermittelt bekommen, weniger wert zu sein oder etwas falsch zu machen. Bei Diabetes kann dies beispielsweise durch Schuldzuweisungen geschehen. Wer immer wieder hört, er müsse sich "mehr zusammenreißen", glaubt vielleicht irgendwann selbst, nicht gut genug mit der Erkrankung umzugehen.
Ausgrenzung
Ausgrenzung kann bewusst oder unbewusst passieren. Vielleicht wird ein Kind wegen seines Diabetes nicht zu einem Ausflug eingeladen. Vielleicht fühlt sich ein Erwachsener bei gemeinsamen Essen unwohl, weil ständig Kommentare über seine Ernährung fallen. Auch wenn niemand ausdrücklich sagt "Du gehörst nicht dazu", kann genau dieses Gefühl entstehen.
Diskriminierung
Diskriminierung geht noch weiter. Sie kann beispielsweise in der Form auftreten, dass Menschen mit Diabetes aufgrund ihrer Erkrankung schlechter behandelt oder in ihren Möglichkeiten eingeschränkt werden. Besonders belastend ist dies, wenn Betroffene ihre Erkrankung immer wieder erklären und rechtfertigen müssen.
Mobbing
Diabetes kann zum Anlass für Hänseleien werden, etwa wenn Mitschüler und Mitschülerinnen oder Arbeitskollegen und -kolleginnen Insulingaben oder Blutzuckermessungen nicht verstehen. Wiederholte Spott- und Ausgrenzungserfahrungen können das Selbstwertgefühl nachhaltig beeinträchtigen.
Depression und psychische Erkrankungen
Anhaltende Stigmatisierung kann das Risiko für psychische Belastungen erhöhen. Wer sich dauerhaft beschämt, abgewertet oder allein fühlt, kann depressive Symptome entwickeln. Dazu gehören beispielsweise anhaltende Niedergeschlagenheit, Interessenverlust, Hoffnungslosigkeit oder das Gefühl, alles falsch zu machen.
Rückzug und Einsamkeit
Manche Menschen beginnen, Situationen zu vermeiden, in denen sie mit Vorurteilen rechnen. Sie messen ihren Blutzucker nicht mehr in der Öffentlichkeit, sprechen nicht über ihre Erkrankung oder verzichten auf soziale Aktivitäten. Der Rückzug kann kurzfristig schützen, langfristig aber einsam machen.
Scham
Scham ist eine besonders starke Emotion. Sie richtet sich oft nicht nur auf ein bestimmtes Verhalten, sondern meist gegen die gesamte eigene Person: "Mit mir stimmt etwas nicht." Bei Diabetes kann Scham dazu führen, dass Betroffene ihre Erkrankung verstecken oder sich für notwendige Therapiemaßnahmen entschuldigen.
Vermiedene Arztbesuche
Stigmatisierung führt manchmal dazu, dass Menschen medizinische Hilfe vermeiden. Wer bei früheren Terminen beschämt oder verurteilt wurde, kann Angst vor dem nächsten Besuch entwickeln. Manche verschieben Kontrollen oder gehen erst dann zum Arzt, wenn Beschwerden unaushaltbar stark geworden sind.
Diabetes-Distress
Diabetes-Distress beschreibt eine emotionale Belastung, die unmittelbar mit dem Leben und dem täglichen Management von Diabetes zusammenhängt. Ständige Therapieentscheidungen, Messwerte, mögliche Komplikationen und die Verantwortung für die eigene Gesundheit können ohnehin anstrengend sein. Wenn dann noch Schuldzuweisungen und Stigmatisierung hinzukommen, kann diese Belastung noch einmal erheblich steigen.
Wichtig: Psychische Belastungen sind kein persönliches Versagen. Niemand muss ständig "positiv" sein. Diabetes kann einem einiges abverlangen. Es ist völlig legitim, manchmal erschöpft, frustriert oder wütend zu sein. Gerade deshalb braucht es eine Sprache, die nicht zusätzlich belastet. Wenn ein Mensch das Gefühl bekommt, nicht bewertet, sondern verstanden zu werden, kann das massiv zu psychischer Stabilität beitragen.
Was ein positiv ausgerichteter Sprachgebrauch zu bewirken vermag
Eine wertschätzende Sprache erweist sich oft als kraftvolle Medizin. Sie kann dazu beitragen, dass Menschen mit Diabetes ihre Erkrankung weniger als persönliche Niederlage und stärker als einen Teil ihres Lebens betrachten, mit dem sie lernen können umzugehen. Wenn wir beispielsweise nicht von "guten" und "schlechten" Blutzuckerwerten sprechen, sondern von Werten "im Zielbereich" und "außerhalb der Range", entfernen wir die moralische Bewertung. Ein Messergebnis ist dann eine Information – kein Zeugnis über die Qualität eines Menschen. Das kann das Selbstmitgefühl – nicht zu verwechseln mit dem Selbstmitleid! – fördern. Wer sich nicht ständig selbst verurteilt, tut sich oft leichter, konstruktiver mit Herausforderungen umzugehen: Was ist passiert? Was brauche ich? Was hilft mir jetzt?
Auch für die Selbstfürsorge kann eine positive Sprache wertvoll sein. Notwendige Therapiemaßnahmen werden dann nicht als Strafe verstanden, sondern als Unterstützung. Blutzuckermessungen sind keine Kontrolle über den eigenen "Erfolg" oder “Misserfolg”, sondern Informationen, die Entscheidungen ermöglichen. Bewegung wird nicht zur Buße für "falsches Essen", sondern kann Freude, Energie und Wohlbefinden schenken.
Eine solche Perspektive motiviert häufig, sich um die eigene Gesundheit zu kümmern – nicht aus Angst oder Schuld heraus, sondern aus Selbstachtung. Davon profitieren Körper und Psyche gleichermaßen. Wer sich sicherer fühlt, kann leichter offen über Schwierigkeiten reden und Hilfe annehmen. Wer keine Angst vor Verurteilung haben muss, traut sich eher, Fragen zu stellen oder Probleme anzusprechen.
Wichtig: Positive Sprache bedeutet keineswegs, Schwierigkeiten schönzureden. Ganz im Gegenteil: Sie schafft Raum, ehrlich über Belastungen zu sprechen, ohne den Menschen dafür abzuwerten.
Die Sprache des Körpers – nonverbale Kommunikation zählt ebenfalls
Die geäußerten Worte sind nicht alles. Auch unsere Körpersprache, unser Gesichtsausdruck, unser Blick und unser Tonfall vermitteln Botschaften. Gerade wenn es um sensible Themen wie Diabetes und psychische Gesundheit geht, kann nonverbale Kommunikation deshalb eine große Rolle spielen.
Stell dir vor, du erzählst jemandem von deinem Diabetes und bemerkst dabei, dass dein Gegenüber die Augenbrauen hochzieht, den Kopf schüttelt oder sichtbar die Luft anhält. Vielleicht sagt die Person anschließend sogar: "Das ist doch gar nicht schlimm." Trotzdem hast du möglicherweise das Gefühl, dass sie dich oder deine Erkrankung gerade bewertet. Körpersprache kann Worte verstärken – oder ihnen widersprechen.
Umgekehrt vermittelt ein offener Blick, ein aufmerksames Zuhören oder eine zugewandte Körperhaltung: "Ich nehme dich ernst. Du kannst mir erzählen, was dich beschäftigt." Auch ein ruhiger, wertschätzender Tonfall schafft oft Sicherheit.
Besonders wichtig ist die nonverbale Kommunikation im medizinischen Umfeld. Ein hektischer Blick auf den Blutzuckerwert, ein Seufzen oder ein genervter Gesichtsausdruck können bei Betroffenen schnell den Eindruck erwecken, sie hätten etwas falsch gemacht. Gerade Menschen, die bereits mit Schuldgefühlen oder Diabetes-Distress kämpfen, können solche Signale sehr sensibel wahrnehmen.
Somit sollten wir alle nicht nur auf unsere Worte achten, sondern auch auf das, was der eigene Körper sagt. Denn manchmal spricht unsere Körpersprache lauter als unsere Worte.
Was tun, wenn man stigmatisiert wird?
Wenn du selbst Stigmatisierung erlebst, kann es zunächst helfen, dir bewusst zu machen: Die Vorurteile anderer sagen nichts über deinen Wert aus. Du bist nicht weniger diszipliniert, weniger leistungsfähig oder weniger liebenswert, weil du Diabetes hast. Und du musst dich nicht für deine Erkrankung rechtfertigen.
Das ist leicht gesagt und manchmal schwer umzusetzen. Denn verletzende Worte können sehr stark an einem nagen. Wenn du immer wieder hörst, du seist "selbst schuld" oder hättest deinen Diabetes "nicht im Griff", kann es passieren, dass du diese Aussagen irgendwann selbst glaubst. Versuche deshalb, innerlich Abstand zu schaffen: Das ist die Meinung oder womöglich nur die Unwissenheit eines anderen Menschen – nicht die objektive Wahrheit über dich.
Sprich über deine Gefühle
Wenn dich eine verletzende Situation beschäftigt, musst du sie nicht mit dir allein ausmachen. Sprich mit Menschen, denen du vertraust. Das kann ein Familienmitglied, ein Freund oder eine Freundin oder eine andere Person mit Diabetes sein. Manchmal hilft bereits die Erfahrung: "Ich bin damit nicht allein."
Gib Feedback
Falls möglich, kannst du die betreffende Person direkt ansprechen. Besonders bei gedankenlosen Aussagen ist vielen Menschen gar nicht bewusst, wie verletzend ihre Worte sind. Du könntest beispielsweise sagen: "Ich weiß, dass du das vielleicht nicht böse meinst. Aber wenn du sagst, ich hätte meinen Diabetes nicht im Griff, verletzt mich das. Diabetes ist komplexer, als es von außen vielleicht den Anschein hat." Oder: "Ich möchte nicht als Diabetiker / Diabetikerin bezeichnet werden. Ich bin ein Mensch mit Diabetes – meine Erkrankung ist nur ein Teil von mir." Du musst dabei nicht zum Experten oder zur Expertin werden. Eine kurze Erklärung genügt in der Regel. Wenn die andere Person bereit ist zuzuhören, entsteht daraus oft ein besseres Verständnis.
Bei Mobbing früh reagieren
Wenn ein Kind oder Teenie mit Diabetes gemobbt wird, sollte man nicht abwarten. Mobbing verschwindet selten einfach von selbst. Eltern, Lehrkräfte und andere Bezugspersonen sollten aufmerksam sein und frühzeitig handeln. Wichtig ist, das Kind nicht mit Vorwürfen zu konfrontieren. Statt "Warum hast du nichts gesagt?" ist eine offene Frage hilfreicher: "Mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit anders wirkst. Ich habe das Gefühl, dass dich etwas beschäftigt. Möchtest du mir erzählen, was los ist?" Gerade wenn ein Kind plötzlich nicht mehr gerne zur Schule geht, sich zurückzieht, schlechter schläft oder ungewöhnlich traurig wirkt, ist es sinnvoll, vorsichtig nachzufragen. Dabei sollte man nicht automatisch an Mobbing denken, das wäre schließlich auch eine Art Stigmatisierung, aber schon die Möglichkeit ernst nehmen.
Unterstützung holen
Du musst Stigmatisierung nicht allein bewältigen. Je nach Situation können unterschiedliche Anlaufstellen helfen:
Selbsthilfegruppen: Ob regional oder online – der Austausch mit anderen Menschen mit Diabetes kann enorm entlasten. Du triffst Personen, die viele deiner Erfahrungen nachvollziehen können, ohne dass du alles erklären musst.
Psychologische Fachkräfte: Psychologen und PsychologInnen oder Psychotherapeuten und PsychotherapeutInnen können unterstützen, wenn Scham, Angst, depressive Symptome, Rückzug oder Diabetes-Distress zu einer großen Belastung werden.
Diabetes-Team: Ein gutes Behandlungsteam sollte nicht nur deine Blutzuckerwerte, sondern auch dein emotionales Wohlbefinden ernst nehmen. Wenn du dich nicht verstanden oder immer wieder bewertet fühlst, darfst du das ansprechen und gegebenenfalls auch nach einer anderen Ansprechperson suchen.
Diabetes-Beratungsstellen und Fachorganisationen: Sie können Informationen vermitteln und bei der Suche nach geeigneten Unterstützungsangeboten helfen.
Schule und Arbeitsplatz: Bei Mobbing oder Diskriminierung solltest du dir Unterstützung holen. Vertrauenslehrkräfte, Schulsozialarbeit, Betriebsrat oder andere zuständige Stellen können je nach Situation einbezogen werden.
Familie und Freundeskreis: Manchmal braucht es ein offenes Gespräch darüber, welche Kommentare verletzend sind und welche Form von Unterstützung du dir wünschst.
Und noch etwas ist wichtig: Du darfst Grenzen setzen. Du musst nicht jede Diskussion über deinen Körper, dein Essen oder deine Therapie führen. Ein "Darüber möchte ich gerade nicht sprechen" ist vollkommen legitim.
Wenn du merkst, dass dich Stigmatisierung nachhaltig belastet, du dich immer mehr zurückziehst oder depressive Symptome entwickelst, solltest du dir Unterstützung holen. Psychische Gesundheit ist genauso wichtig wie körperliche Gesundheit. Hilfe anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein mutiger Schritt, um für dich selbst zu sorgen.
Schlusswort
Die Sprache zählt – an jedem Tag, in jedem Moment. Mit unseren Worten können wir dazu beitragen, dass sich Menschen mit Diabetes gesehen, respektiert und ernst genommen fühlen – oder dass sie sich schämen und zurückziehen. Die gute Nachricht ist: Wir alle können etwas verändern. Bereits kleine Anpassungen in der Kommunikation können einen Unterschied machen. Initiativen wie das deutsche Positionspapier "Language Matters" aus dem Jahr 2022 zeigen, dass das Bewusstsein für dieses Thema wächst. Angestoßen wurde die internationale Bewegung bereits 2011 in Australien, seitdem haben viele weitere Länder entsprechende Maßnahmen ergriffen. Wenn wir uns bewusst sensibler äußern, können wir gemeinsam eine Sprache schaffen, die Menschen mit Diabetes oder einer anderen chronischen Erkrankung stärkt – und damit auch ihre mentale Gesundheit.
